SightCity Forum 2026: Block zu genetischen Erkrankungen: Gendiagnostik und Therapien bei erblichen Netzhauterkrankungen
07.10.2026 94 min
Video zur Episode
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Zusammenfassung & Show Notes
Im Block zu genetischen Erkrankungen erklärt der Humangenetiker Prof. Dr. Hanno J. Bolz, wie genetische Beratung und Diagnostik bei erblichen Augenerkrankungen ablaufen und was neue Verfahren wie die Long-Read-Genomsequenzierung leisten.
Die Augenärztin Prof. Dr. Sandra Liakopoulos zeigt, wie erbliche Netzhauterkrankungen erkannt werden und welche Therapien es gibt oder in Sicht sind. Beide beantworten Fragen aus Publikum und Chat. Ein Forumsbeitrag von der SightCity 2026, der keine ärztliche Beratung ersetzt.
Die Augenärztin Prof. Dr. Sandra Liakopoulos zeigt, wie erbliche Netzhauterkrankungen erkannt werden und welche Therapien es gibt oder in Sicht sind. Beide beantworten Fragen aus Publikum und Chat. Ein Forumsbeitrag von der SightCity 2026, der keine ärztliche Beratung ersetzt.
**Block zu genetischen Erkrankungen**
Forumsbeitrag | SightCity 2026 | aufgezeichnet am 29. Mai 2026
Mit: Prof. Dr. Hanno J. Bolz, Bioscientia Institut für Medizinische Diagnostik, Ingelheim, und Prof. Dr. Sandra Liakopoulos, Augenklinik des Universitätsklinikums Frankfurt
Der Vortrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Angaben zu Studien und Zulassungen geben den Stand vom Mai 2026 wieder.
Begrüßung und Einführung: Humangenetik bei erblichen Augenerkrankungen (00:00:00)
Prof. Bolz stellt sich und die Arbeit einer humangenetischen Abteilung vor: Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftler und technische Assistenz arbeiten zusammen, Beratung gibt es vor Ort und zum Teil per Video. Ein Verzeichnis der Beratungsstellen führt die Gesellschaft für Humangenetik.
Genetische Beratung, Stammbaum und Wege zur Diagnostik (00:07:44)
In der Beratung werden Befunde gesichtet und ein Stammbaum über meist drei Generationen erhoben. Er gibt Hinweise auf den Erbgang, etwa autosomal-dominant oder autosomal-rezessiv. Zum Weg in die Diagnostik sagt Bolz:
- Gesetzlich Versicherte kommen per Überweisung in die Beratung; die genetische Diagnostik ist Kassenleistung.
- Jede Ärztin und jeder Arzt kann die Diagnostik bei einer klinischen Diagnose veranlassen, das Budget wird nicht belastet.
- Vorhersagende (prädiktive) Tests bei Gesunden erfordern eine humangenetische Beratung.
- Privat Versicherte sollten die Kostenübernahme vorab klären.
Warum die Genetik der Netzhaut so komplex ist: vom Gen-Panel zum Genom (00:17:11)
Am Sehen sind Tausende Proteine beteiligt, Hunderte Gene können bei einem Defekt eine Netzhautdystrophie auslösen. Bolz erklärt DNA, Exons und RNA und zeichnet die Entwicklung nach: von der Untersuchung einzelner Gene über Gen-Panels und Exom bis zur Sequenzierung des ganzen Genoms. Als Beispiele aus der eigenen Arbeit nennt er ein neu beschriebenes Gen für einen Taurin-Transporter und das Gen CEP162.
Wenn nichts gefunden wird: Long-Read-Sequenzierung und Syndrome (00:32:29)
Bei unklaren Befunden zählt, wann und mit welcher Methode untersucht wurde. Die Long-Read-Genomsequenzierung liest sehr lange Abschnitte und kann zeigen, ob zwei Mutationen von beiden Elternteilen stammen, ohne dass Proben der Eltern nötig sind. Das ist zum Beispiel für die RPE65-Gentherapie wichtig. Am Alström-Syndrom zeigt Bolz, dass eine genetische Diagnose auch auf weitere Organbeteiligungen hinweisen kann.
Fragen an Prof. Bolz (00:42:03)
Lohnt sich eine erneute Analyse nach einigen Jahren? Laut Bolz hängt das vom Einzelfall ab, bei unklaren Befunden kann es sinnvoll sein. Weitere Themen: Long-Read-Sequenzierung in Österreich, Genetik beim Glaukom, Taurin, LHON und die dominante Optikusatrophie.
Seltene Netzhauterkrankungen: Diagnostik und Zentren (00:53:03)
Prof. Liakopoulos erklärt, warum die Erkrankungen oft spät auffallen: Die Sehverschlechterung kommt schleichend. Zur Diagnostik gehören Anamnese, Funktionstests, Elektrophysiologie und Bildgebung wie OCT und Autofluoreszenz. Sie stellt die Zentren für seltene Erkrankungen an den Unikliniken und das Deutsche Referenznetzwerk vor und beschreibt den Ablauf in der Spezialsprechstunde.
Therapien: Gentherapie, Optogenetik, Tinlarebant und Hilfen im Alltag (01:10:37)
- Gentherapie: Für Mutationen im Gen RPE65 gibt es eine zugelassene Therapie; weitere Studien laufen.
- Optogenetik: Andere Netzhautzellen sollen lichtempfindlich gemacht werden; laut Liakopoulos ist die Zulassung in den USA beantragt.
- Tinlarebant: Tablette bei Morbus Stargardt, die das Fortschreiten bremsen soll; der Zulassungsantrag in den USA wurde im April 2026 gestellt.
- Auch ohne Therapie sinnvoll: augenärztliche Kontrolle, Hilfsmittel, KI-gestützte Brillen, Selbsthilfe.
- Informationsquellen: se-atlas, Orphanet, ClinicalTrials.gov.
Fragen aus Publikum und Chat (01:26:32)
Themen sind Patientenregister für klinische Studien, etwa bei PRO RETINA und an Unikliniken, Morbus Best, die Vererbung bei LHON und die Frage nach einer Netzhauttransplantation, die es bislang nicht gibt.
Weitere Informationen und das vollständige Transkript: https://sightcity.net/f033003
Forumsbeitrag | SightCity 2026 | aufgezeichnet am 29. Mai 2026
Mit: Prof. Dr. Hanno J. Bolz, Bioscientia Institut für Medizinische Diagnostik, Ingelheim, und Prof. Dr. Sandra Liakopoulos, Augenklinik des Universitätsklinikums Frankfurt
Der Vortrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Angaben zu Studien und Zulassungen geben den Stand vom Mai 2026 wieder.
Begrüßung und Einführung: Humangenetik bei erblichen Augenerkrankungen (00:00:00)
Prof. Bolz stellt sich und die Arbeit einer humangenetischen Abteilung vor: Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftler und technische Assistenz arbeiten zusammen, Beratung gibt es vor Ort und zum Teil per Video. Ein Verzeichnis der Beratungsstellen führt die Gesellschaft für Humangenetik.
Genetische Beratung, Stammbaum und Wege zur Diagnostik (00:07:44)
In der Beratung werden Befunde gesichtet und ein Stammbaum über meist drei Generationen erhoben. Er gibt Hinweise auf den Erbgang, etwa autosomal-dominant oder autosomal-rezessiv. Zum Weg in die Diagnostik sagt Bolz:
- Gesetzlich Versicherte kommen per Überweisung in die Beratung; die genetische Diagnostik ist Kassenleistung.
- Jede Ärztin und jeder Arzt kann die Diagnostik bei einer klinischen Diagnose veranlassen, das Budget wird nicht belastet.
- Vorhersagende (prädiktive) Tests bei Gesunden erfordern eine humangenetische Beratung.
- Privat Versicherte sollten die Kostenübernahme vorab klären.
Warum die Genetik der Netzhaut so komplex ist: vom Gen-Panel zum Genom (00:17:11)
Am Sehen sind Tausende Proteine beteiligt, Hunderte Gene können bei einem Defekt eine Netzhautdystrophie auslösen. Bolz erklärt DNA, Exons und RNA und zeichnet die Entwicklung nach: von der Untersuchung einzelner Gene über Gen-Panels und Exom bis zur Sequenzierung des ganzen Genoms. Als Beispiele aus der eigenen Arbeit nennt er ein neu beschriebenes Gen für einen Taurin-Transporter und das Gen CEP162.
Wenn nichts gefunden wird: Long-Read-Sequenzierung und Syndrome (00:32:29)
Bei unklaren Befunden zählt, wann und mit welcher Methode untersucht wurde. Die Long-Read-Genomsequenzierung liest sehr lange Abschnitte und kann zeigen, ob zwei Mutationen von beiden Elternteilen stammen, ohne dass Proben der Eltern nötig sind. Das ist zum Beispiel für die RPE65-Gentherapie wichtig. Am Alström-Syndrom zeigt Bolz, dass eine genetische Diagnose auch auf weitere Organbeteiligungen hinweisen kann.
Fragen an Prof. Bolz (00:42:03)
Lohnt sich eine erneute Analyse nach einigen Jahren? Laut Bolz hängt das vom Einzelfall ab, bei unklaren Befunden kann es sinnvoll sein. Weitere Themen: Long-Read-Sequenzierung in Österreich, Genetik beim Glaukom, Taurin, LHON und die dominante Optikusatrophie.
Seltene Netzhauterkrankungen: Diagnostik und Zentren (00:53:03)
Prof. Liakopoulos erklärt, warum die Erkrankungen oft spät auffallen: Die Sehverschlechterung kommt schleichend. Zur Diagnostik gehören Anamnese, Funktionstests, Elektrophysiologie und Bildgebung wie OCT und Autofluoreszenz. Sie stellt die Zentren für seltene Erkrankungen an den Unikliniken und das Deutsche Referenznetzwerk vor und beschreibt den Ablauf in der Spezialsprechstunde.
Therapien: Gentherapie, Optogenetik, Tinlarebant und Hilfen im Alltag (01:10:37)
- Gentherapie: Für Mutationen im Gen RPE65 gibt es eine zugelassene Therapie; weitere Studien laufen.
- Optogenetik: Andere Netzhautzellen sollen lichtempfindlich gemacht werden; laut Liakopoulos ist die Zulassung in den USA beantragt.
- Tinlarebant: Tablette bei Morbus Stargardt, die das Fortschreiten bremsen soll; der Zulassungsantrag in den USA wurde im April 2026 gestellt.
- Auch ohne Therapie sinnvoll: augenärztliche Kontrolle, Hilfsmittel, KI-gestützte Brillen, Selbsthilfe.
- Informationsquellen: se-atlas, Orphanet, ClinicalTrials.gov.
Fragen aus Publikum und Chat (01:26:32)
Themen sind Patientenregister für klinische Studien, etwa bei PRO RETINA und an Unikliniken, Morbus Best, die Vererbung bei LHON und die Frage nach einer Netzhauttransplantation, die es bislang nicht gibt.
Weitere Informationen und das vollständige Transkript: https://sightcity.net/f033003
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Transkript
Herzlich willkommen zum
Mitschnitt des Forums vom 29.05.2026:
„Block zu genetischen Erkrankungen“.
Referenten: Prof. Dr. Hanno J. Bolz,
Prof. Dr. med. Sandra Liakopoulos
und Dr. med. Max Gerhardt. Viel Spaß mit dem Vortrag!
über erbliche Augenerkrankungen und so den Fokus
aber auf erbliche
Netzhauterkrankungen, einfach aus dem Grund, weil es da
am meisten –
weil es am häufigsten ist und wir da
wirklich sehr
weitreichende Erfahrung haben. Und ich werde
viel auch auf technische Aspekte
oder teilweise auf technische
Aspekte eingehen. Das ist nicht für jeden
sicherlich gleich gut verständlich,
naturgemäß ist der Kenntnisstand immer sehr
unterschiedlich.
Das ist aber, glaub ich, auch okay,
also da kann man dann zum Teil auch
sicherlich weghören,
'ne kleine Pause machen, wenn das
zu sehr ins Detail geht. Aber es ist doch
oft kein Nachteil,
'ne ungefähre Vorstellung davon zu haben,
was wir so machen,
auch wenn Sie als Betroffene an einer Diagnostik
zum Beispiel interessiert sind und
dann mit den Ärzten sprechen, weil
erfahrungsgemäß
ist es oft so, dass die Patienten sehr schnell
eben auch zu Experten
werden für ihre eigene Erkrankung und Ärzte
eben mit diesen seltenen
Erkrankungen ja nicht so häufig konfrontiert sind und
dann das Wissen auf Patientenseite eben auch deutlich
weiter häufig geht.
Ja, zu meinem Hintergrund: Ich bin ärztlicher
Leiter der humangenetischen Abteilung bei Bioscientia,
das ist ein Diagnostikunternehmen in
Ingelheim, also gar nicht weit von hier, in der
Nähe von Mainz,
gehört zu einem australischen Mutterunternehmen,
Sonic Healthcare. Das ist ein
ärztlich geführtes Unternehmen, also alle Bereiche sind
da von Ärzten geleitet, was, denk ich, wichtig ist.
Und die Zielsetzung oder was dort gemacht
wird, ist eben Diagnostik, nicht nur Humangenetik,
auch viele andere
medizinische Diagnostik,
aber unser Bereich sind eben die Erbkrankheiten.
Ich bin als apl.
Professor auch noch am Uniklinikum
Köln tätig, war dort auch viele Jahre
Vollzeit und hab
dort und vorher in Hamburg an der
Identifizierung vor allen Dingen von
Krankheitsgenen geforscht.
Das machen wir heute immer noch ein bisschen.
Ich komm nachher da auch darauf, wie technisch
bedingt eigentlich Diagnostik und Forschung heute
auf gleichen Ebenen arbeiten,
mit den gleichen Mitteln
arbeiten und man deshalb
das gar nicht mehr immer so trennen kann. Das heißt,
unbekannte neue Sachen
können wir auch –
die können uns auch bei der Diagnostik
über den Weg laufen.
Also das
greift sehr ineinander, und die
molekulare Diagnostik profitiert
durchaus davon, wenn man da auch wissenschaftlich dran
arbeitet oder gearbeitet hat.
Dass diese PacBio-
Firma, die hier noch genannt ist – ich komm nachher
noch auf 'ne bestimmte Technik der Genomsequenzierung,
mit denen arbeiten wir sehr eng
zusammen, weil wir diese –
diese Technik in die Diagnostik
eingeführt haben. Frau Professor Liakopoulos
kommt auch gerade, hallo.
Sehr gut, wir sind zu zweit schon jetzt. Und
deshalb sei das hiermit genannt, da arbeiten wir eng
zusammen. Und ich geh
auf so einige Aspekte genauer ein. Nachher
haben wir ja wahrscheinlich sogar ein bisschen mehr Zeit
für Fragen,
weil wir heute nur zwei statt drei Vorträge haben.
Ein paar Fragen
greif ich aus der eigenen Erfahrung
schon auf und nenne die, was so die Hauptpunkte
in der genetischen
Beratung und Diagnostik sind, was wir für Fragen
an Patienten und Familien haben, aber auch, was
Patienten von uns gerne wissen wollen,
welche Hoffnungen sich mit einer Diagnostik verbinden.
Und dann
gehe ich, wie gesagt, ein bisschen auch auf Technik
und Hintergrund
der genetischen
Diagnostik ein, nenne auch einige Beispiele,
und da werden wir vielleicht auch im
Anschluss ja noch drauf kommen, wenn Sie jetzt Fragen
ganz spezifisch haben
zu bestimmten Erkrankungen.
Und dann, wie eben schon genannt: Wissenschaft
spielt immer dabei eine Rolle. Wir kennen diese Gene,
die wir testen,
die Erbanlagen, nur, weil sie mal auf wissenschaftlicher
Basis –
Diese Gene, die wir testen, die kennen wir
halt auch nur, weil sie mal auf wissenschaftlicher Basis
identifiziert worden sind.
Ja, die
Bahn macht das oft zwei- oder dreimal, ich tipp
jetzt auf zweimal und mach einfach weiter, sonst wart
ich vielleicht auf eine Pause.
Ja, einfach so als Beispiel:
Es gibt viele
humangenetische
Abteilungen an
Universitäten oder auch im
niedergelassenen
Bereich in Deutschland. Ich hab
jetzt mal unsere als Beispiel genommen, einfach
damit man 'ne Vorstellung hat,
wer da so arbeitet,
welche Fachbereiche da vertreten
sind. Und bei uns sind es etwa 100 Mitarbeiter,
10 Ärzte – es gibt also einen Facharzt für
Erbkrankheiten, für Humangenetik –, und
30 Wissenschaftler,
also in der Regel Biologen, aber auch Biochemiker
zum Beispiel, die sich dann
damit beschäftigen, die Dinge,
die wir analysiert haben,
also in der Regel die Gensequenzen, den Gencode,
auszuwerten und das dann zu interpretieren,
was das jetzt
für die Erkrankung, für den Patienten
im Einzelnen bedeutet.
Viele technische Assistenten, BTAs,
MTAs im Labor, die dann die –
sozusagen im Nasslabor die Analysen durchführen,
die Plattformen beladen mit den Proben,
aus dem Blut die DNA herausholen, das
Erbmaterial, damit die Analyse überhaupt laufen kann.
Dann natürlich ein
Sekretariatsbereich, Administrationsbereich,
wo die Patienten
aufgenommen werden,
Probeneingang für viele Proben, die auch von außen
zu uns kommen. Also da
komm ich auch gleich noch drauf: Viele Proben
werden uns zugeschickt, wir sehen nicht jeden Patienten,
obwohl es
immer gut ist, wenn man sich den
relativ gut vorstellen kann.
Das heißt, viele Angaben sind auch immer
wichtig zu haben, wenn man 'ne Testung durchführt.
So wird's, glaub ich, selten oder nie so komplett
funktionieren, dass man einfach
testet und überhaupt nicht weiß, worum's geht.
Man braucht immer Hintergrundinformationen, KI
und so weiter hin oder her, aber man
muss schon immer auch ein bisschen was über den Menschen
wissen. Und wenn wir 'ne
humangenetische Beratung vorab
durchführen – das ist der nächste Punkt –,
dann sehen wir die Patienten
oder Familien
eben auch und stellen dann auch gezielt Fragen.
Und in unserem Fall
machen wir das
vor allen Dingen in Ingelheim an dem Hauptsitz,
dann aber auch in Mainz,
Hamburg, Worms haben wir
Sprechstunden. Und es gibt in ganz Deutschland – und da
gibt es auch von der Gesellschaft für Humangenetik ein
Verzeichnis, wo man schauen kann,
wo man denn hingehen kann.
Das ist oft nach meiner Erfahrung bei Patienten
oder für Patienten schon oft nicht so einfach, dass man
erst mal weiß,
dass es so was gibt, wo kann ich hingehen,
wie melde ich mich da an und so weiter.
Deshalb komme ich auf diese formalen Sachen
gleich auch noch ein bisschen zu sprechen.
Ja, Diagnostik:
Da führen wir eigentlich alle Methoden durch. Ich
geh nachher ein bisschen auf die molekularen Methoden,
molekularen Methoden
ein. Bei uns geht es eigentlich immer um Molekulargenetik,
nicht Chromosomenanalyse
unterm Mikroskop oder so, das ist viel zu grob,
sondern wirklich
der Gencode, der da analysiert wird.
Und da haben wir eigentlich alle
Möglichkeiten, das zu untersuchen.
Und die Indikationen, die wir untersuchen, bei uns sind
alle erblichen
Erkrankungen, und wir haben einen gewissen Schwerpunkt
eben für die
Augenerkrankungen und für die
sensorischen Erkrankungen. Und Beratung führen wir
normalerweise vor Ort durch.
So was geht auch per Video,
eigentlich bietet sich das häufig an, das zu machen.
Körperliche Untersuchung ist häufig auch dabei. Wenn's
jetzt zum Beispiel um 'ne RP geht, ja,
braucht man das gar nicht unbedingt,
kann man das sozusagen auch auf dem
Telekommunikationsweg
machen. Aber auch –
es macht Sinn,
das zumindest nach einem
initialen Termin vor
Ort zu machen. Befundmitteilung
kann man dann auch per Video
machen, wenn 'ne Testung durchgeführt wurde.
Und wenn's gar nicht anders geht,
gibt's eben die Möglichkeit, das
auch komplett über diesen Weg zu machen. Also da
ist auch einiges in der Entwicklung, aber es ist eher
noch so 'ne Lösung, auch aus
formalen Gründen,
die man als Ausweichlösung
nimmt, dass man's per Video macht. Ansonsten
sucht man eigentlich in der Regel so 'ne Sprechstunde auf.
Und ja,
was macht man bei der genetischen Beratung?
Es werden erst mal Befunde gesichtet.
Ich hab noch gar nicht gefragt –
bei einigen weiß ich's, die ich sehe und kenne,
aber wie viele waren
denn schon mal in der genetischen Beratung von Ihnen?
Sind da einige?
Hab ich erwartet, schon einige, genau. Und dann
kennen Sie das sicherlich auch, dass man im Vorwege
gefragt wird:
Was gibt's für Befunde, können Sie uns vorab Kopien
zuschicken und so weiter? Weil's ja schon oft darum geht,
auch um mehr oder weniger klare
Diagnosen, dass sich der beratende
Humangenetiker erst mal ein Bild machen kann und auch mal
durch sehr umfangreiche Befunde
durcharbeiten
muss. Ist immer ganz gut, wenn man die vorher hat.
Ansonsten sichtet und bespricht man das auch in einem
Beratungsgespräch dann vor Ort.
Und so 'ne Beratung kann schon
eine bis anderthalb Stunden häufig dauern,
je nachdem. Manchmal sind
es auch ganze Familien, und je nachdem, wie komplex
die Erhebung da ist, kann das länger dauern.
Das führt mich zum Punkt der Familienanamnese. Es werden
Stammbäume erhoben,
also die Familiengeschichte,
eigentlich so meistens
mindestens über drei Generationen.
So ein Stammbaum wird grafisch
dann aufgemalt – die in der Beratung von Ihnen waren,
kennen das –, auch um es zu visualisieren und
ja, abzubilden.
Und dann auch für die Diagnostik
ist das wichtig, komm ich auch gleich noch drauf.
Und man versucht dann schon –
und darauf war man früher viel mehr
angewiesen, als man viel weniger im Labor
testen konnte –, man versucht
schon, durch die Familienanamnese, den Stammbaum,
einzuschätzen, worum es geht und wie die Vererbung
vielleicht funktionieren könnte.
Früher waren wir darauf fast angewiesen,
weil wir auch nicht viel wussten über Gene
und wirklich viel testen konnten.
Aber danach kann man schon das Risiko einschätzen und
kann, wenn man 'ne
molekulargenetische Diagnostik macht,
dann – ich weiß
gar nicht, steh ich eigentlich davor?
Sonst geh ich mal ein Stück zur Seite –
kann man, wenn man die Ursache gefunden hat,
dann auch viel präziser
etwas dazu sagen, was
Wiederholungsrisiko angeht oder weitere
Symptome, die zu erwarten sind. Darauf
komm ich aber bei einigen Beispielen
nachher auch noch.
Die Stammbäume
malen wir, wie gesagt, auf mit
Quadraten für männliche Personen,
Kreisen für weibliche Personen.
So 'ne Querverbindung
kennzeichnet dann
'ne Partnerschaft,
dann die Kinder immer in der nächsten Ebene
drunter gezeichnet. Schwarz ausgefüllt
bedeutet: von einer bestimmten Erkrankung betroffen.
Und dann kann man schon davon
ableiten, wie sich etwas wahrscheinlich vererbt.
Im Beispiel hier links gezeigt sehen wir,
dass Betroffene in jeder Generation auftreten, beide
Geschlechter betreffen.
Das ist dann häufig
bei dem autosomal-dominanten Erbgang der Fall.
Da gibt's zum Beispiel bei Retinitis pigmentosa
einige häufigere
Gene wie Rhodopsin zum Beispiel.
Und wenn man so etwas
weiß als Familiengeschichte, dann ist das schon etwas,
worauf man auch die Auswertung
der heute sehr weitgehenden
Analysen einstellen kann.
Man muss schon auch ein bisschen wissen,
nicht nur welche –
um welche Erkrankung geht es, also welche Gene
schaue ich mir an, sondern auch: Welche Gene
haben welchen –
folgen welchem Erbgang, wenn sie einen Defekt aufweisen?
Und dann ist es schon wichtig zu wissen:
Was hat der Patient klinisch,
wie sieht eigentlich sein Familienhintergrund aus?
Das ist bei einigen Stammbäumen schon völlig
klar, welchen Erbgang wir suchen.
Da können wir auch rezessive
Gene hier im linken Beispiel auch außen vor lassen,
erst mal um es einzuengen und auch nicht
alles Mögliche
zu sehen, was wir vielleicht gar nicht sehen wollen
oder auswerten wollen. Auf der
rechten Seite ist das dann mal gezeigt, was wir
auch oft sehen: eine autoso-
mal-rezessive Erkrankung, gesunde Eltern und dann ein Kind
betroffen oder mehrere,
je nachdem, wie viele Kinder es gibt. Dann irgendwann
sieht man das, sonst höchstens bei Geschwistern. Aber
das ist auch schon etwas, was dann oft nicht klar ist,
bevor Patienten kommen, dass, wenn es
vorher in der Familie gar nicht aufgetreten
ist, es trotzdem 'ne
reine Erbkrankheit sein kann.
Das ist bei den rezessiven Formen – RPE65 als
Beispiel – ist das ja häufig so.
Wenn die Familien
sehr groß sind
oder es sehr viele Geschwister sind, dann ist es
wahrscheinlich, dass
dann noch mindestens ein weiteres betroffen ist. Aber
bei kleinen Familien ist es oft dann wirklich nur
sporadisch.
Das ist da nebenbei auch noch der häufigste
Erbgang bei den
Augenerkrankungen und auch vor
allen Dingen bei den Netzhautdystrophien. Besonderes Risiko
ist, wenn 'ne Blutsverwandtschaft der Eltern vorliegt,
und dann sehen wir das. In solchen
Ländern zum Beispiel des
Nahen Ostens, Mittelmeerbereich und so weiter sehen wir
auch ansonsten seltene rezessive
Erkrankungen gehäuft, und dann eben auch inklusive
dieser Netzhautdystrophien.
Und deshalb ist
auch zum Beispiel die Angabe, ob die Eltern
blutsverwandt sind, durchaus relevant.
Andersrum ist es so: Bei den
Analysen, die wir heute durchführen,
sehen wir das eigentlich auch,
also man sieht, wenn man sehr viel gemeinsam
von beiden Eltern geerbt hat.
Aber trotzdem fragt man das natürlich.
Ja, wie sind jetzt so die
Wege, wie man überhaupt zu uns kommt?
Häufig ist es so – das
trifft wahrscheinlich auch bei Ihnen zum Teil zu –,
dass Sie einfach selber auch auf die Suche
gegangen sind und dann zum Beispiel im Internet
finden, wo es Beratungsstellen gibt.
Dann kann man sich überweisen lassen. Es ist durchaus
einfacher,
wenn man gesetzlich versichert ist,
weil man den Anspruch sowohl
auf die Beratung als auch auf 'ne
genetische Diagnostik hat, wenn die indiziert ist,
über einen Ü-Schein, also sich
zur Beratung überweisen lässt, der ganz normale
gelbe Muster-6-Ü-Schein
wird er genannt.
Und dann in einer humangenetischen Beratung
werden die eben
genannten Aspekte adressiert, und
dann kann man eine
molekulargenetische Diagnostik
durchführen lassen als Patient, wenn man das möchte,
muss dann eine Einverständniserklärung
unterschreiben.
Und wenn dann das Ergebnis vorliegt, wird das auch
von einem Humangenetiker erläutert.
Also man will es eben vermeiden – dann wird es
natürlich auch ausgehändigt, das Ergebnis, als
Befund, der sehr technisch gehalten ist, also
durchaus
nicht selbsterklärend, aber alle harten Daten enthält:
welche Plattform, welche Analysen
wurden gemacht, welche Parameter erreicht und so.
Aber bevor man das eben aushändigt, wird es erläutert,
weil man eben vermeiden will, dass Patienten sich damit
hinsetzen, dann
googeln oder so, um daraus irgendwie
schlau zu werden und eventuell falsche
Schlüsse zu ziehen. Also die Erläuterung des Befundes
ist natürlich wichtig. Dann
sind die Wege auch häufig so, dass die
augenärztlichen Kollegen in die Humangenetik
überweisen,
weil sie den Verdacht haben auf eine erbliche
Augenerkrankung,
auch auf dem gleichen Wege wie eben geschildert. Und
vorn auch schon
angesprochen: Es kann auch durchaus Sinn machen,
dass, wenn in einer
Netzhautdystrophie-Sprechstunde
zum Beispiel an der Universität der Verdacht
auf RP besteht,
was per se ja meistens erblich bedingt ist,
dass dann erst mal eine Blutprobe
nach kurzer Besprechung mit dem Patienten
an die Humangenetik ins Labor geschickt wird
und dann erst eine genetische Beratung durchgeführt
wird, wenn man weiß, worum es ganz genau geht.
Das kann auch durchaus Sinn machen, also ist ein
gangbarer Weg, wo dann das Gutachten
erst mal an den einsendenden
Augenarzt geht und der dann sich
darum kümmert, dass dann die Humangenetiker
für die Erläuterung wieder dazugenommen werden.
Das ist dann, wenn man nur eine Probe
erst mal analysieren lässt, dieser Muster-
10-Überweisungsschein.
Und der Patient, ganz wichtig,
oder die Eltern von
kleinen Patienten müssen diese Einverständniserklärung
unterschreiben
nach dem Gendiagnostikgesetz. Ja,
wichtige Fakten, weil es da auch immer noch so
hartnäckige Mythen gibt, die sich halten:
Ein Augen-, ein Arzt, auch ein
niedergelassener,
jeder Arzt kann einen Ü-Schein ausstellen,
und das Budget
der Ärzte wird nicht belastet.
Da werden Ärzte häufig
auch vielleicht mal nicht ganz ungern im
Unklaren gelassen, um da auch so 'ne gewisse
Unsicherheit für teure Analysen bestehen zu lassen. Das
Budget wird aber nicht belastet. Jeder Arzt kann das
ohne Bedenken ausstellen,
einen solchen Überweisungsschein,
eine solche Diagnostik veranlassen. Das kann
eben auch jeder Arzt, wenn es nicht vorhersagend
ist, also bei Gesunden zukünftig auftretende
Erkrankungen
zu diagnostizieren, das ist prädiktiv,
da muss ein Humangenetiker eingebunden werden. Ansonsten,
zur Absicherung einer klinisch
feststellbaren Diagnose, ist es nicht notwendig.
Da wird das Gendiagnostikgesetz manchmal auch zu
restriktiv verstanden und
resultiert in Unsicherheit, dass Ärzte sich nicht trauen,
das als Kliniker zu veranlassen. Ist aber –
ist aber kein Problem, ja.
Dann die Fragen,
mit denen wir
eigentlich immer konfrontiert werden, aber –
welche Bedeutung eine genetische
Analyse hat, welche Hoffnungen sich damit verbinden:
Das ist ganz häufig
erst mal ganz profan,
dass man eine Diagnose klären will.
Die Diagnosen sind oft nicht ganz klar,
gerade wenn es komplexere Erkrankungen sind,
syndromale, mit vielfältigen
Symptomen, dass man dann erst mal
wissen möchte:
Was ist das überhaupt, oder wo kommt das her, oder ist es
ein Impfschaden? Früher, auch gerade als man
weniger untersuchen konnte, war so etwas –
stand es viel häufiger
im Raum. Oder war es 'ne Infektion
während der Schwangerschaft oder so?
Dann kann man
so was natürlich klären. In dem Moment, wo man einen
Gendefekt identifiziert hat, kann man
andere Sachen ja ausschließen.
Ein eindeutiger Gendefekt ist 'ne ganz klare
Sache von der Interpretation her.
Das Wiederholungsrisiko kann man dann –
je nachdem, wie sich ein solches Gen
verhält, das ist bekannt,
kann man davon den Erbgang ableiten und auch für
zukünftige Kinder
zum Beispiel das Risiko sehr spezifisch
dann benennen. Und
ein Punkt, den
Frau Professor Lia-
kopoulos nachher auch noch anspricht, ist so Therapie,
also was bedeutet das heute, was für Therapien gibt
es da, in welche Richtung bewegt sich das. Aber auch
prophylaktische Maßnahmen –
komm ich nachher auch noch auf ein Beispiel –
sind auch wichtig. Also manchmal
ist es relativ einfach,
wenn man weiß, worum es geht, schon einige
Maßnahmen zu treffen
und auch zu wissen, welche Ärzte man noch mit einbindet.
Ja, der Hintergrund
unserer Arbeit
und warum wir heute darüber sprechen, ist,
dass das bei uns ein Schwerpunkt ist, dass wir uns mit
sensorischen Erkrankungen beschäftigen,
auch mit Hörstörungen. Häufig ist das
ja kombiniert, nicht nur beim Usher-Syndrom,
dass wir beide
sensorischen
Systeme in der Dysfunktion haben,
und das ist halt ein Bereich, mit dem wir
uns dann eben auch sehr intensiv beschäftigen.
Warum ist das Ganze jetzt genetisch so komplex
oder interessant?
Wenn wir uns die Netzhaut
angucken, dann ist das ein sehr komplexes Gebilde,
wo wir sehr viele Zellen
haben, die alle zum
Gelingen des Sehens sozusagen beitragen, mit vielen
biochemischen, strukturellen
Prozessen verhaftet sind. Und all diese Prozesse,
alle diese Funktionen
werden durch Proteine getragen,
und Proteine sind durch Gene kodiert.
Weil das so komplex ist – wir haben ungefähr 20.000
Gene, Erbanlagen, in jeder Zelle,
und die kodieren alle für Proteine, sogar
zum Teil für verschiedene Proteine.
Und in der Netzhaut ist es –
weit mehr als ein Protein, es sind
Tausende Proteine, die
funktionieren müssen, damit das Sehen
ja, funktioniert
und ein Bild auf der
Netzhaut entsteht und ins
Gehirn weitergeleitet wird und so weiter.
Das heißt, es ist ein sehr komplexer
Vorgang, und viele Gene,
viele Proteine tragen zum Gelingen bei.
Deshalb ist das als Erkrankung auch so komplex. Und
ja, hier ist einfach mal die
komplexe Netzhautstruktur aufgezeigt.
Die meisten Gendefekte wirken sich aus, oder die Gene
sind aktiv, in den
Fotorezeptorzellen, in Stäbchen und Zapfen,
aber nicht nur. Auch im retinalen Pigmentepithel –
Stichwort RPE65 – sind
Gene aktiv, die wichtig sind, und
das ist sehr vielfältig. Man hat, als man die ersten Gene
identifiziert hat, mit noch ungleich höherem
Aufwand als heute –
in den Neunzigerjahren hat es
vor allen Dingen Fahrt aufgenommen, aber
waren wirklich noch Materialschlachten. Ein Gen
zu identifizieren hat Jahre gedauert als Krankheitsgen
und sehr
Unsummen verschlungen im Forschungsbereich. Und
die ersten, die man identifiziert hat,
waren eigentlich so die einfachen Kandidaten.
Man wusste schon aus der Biochemie, aus
der Physiologie
sehr gut, welche Proteine im
Sehvorgang, in der visuellen
Kaskade aktiv sind, und für jedes dieser
Proteine gibt's ein Gen.
Die wurden dann damals einfach getestet,
Peripherin, Rhodopsin, Arrestin und so weiter,
und dann hat man sehr schnell die ersten Gene
gefunden. Und dann hat man erst in den
Jahren, Jahrzehnten danach gefunden: Es gibt
immer noch ein Gen, noch ein Gen, noch ein Gen,
was verantwortlich
ist, und dann auch solche, die für ganz zentrale,
in jeder Zelle
eigentlich wichtige Vorgänge
wichtig sind, wie zum Beispiel der
Krebszyklus oder so. Gibt's einige Gene,
die werden ausgeschaltet,
und die Folge ist nur, in Anführungszeichen, eine
RP. Man weiß zum Teil gar nicht genau, warum, obwohl diese
Gene in jeder Zelle angeschaltet und
gebraucht werden. Aber das,
worauf ich hinauswill, ist: Es gibt sehr, sehr viele Gene
in allen möglichen Kompartimenten der
Netzhaut. Selbst in den Fotorezeptoren
gibt es schon Hunderte,
die verantwortlich sind,
und die musste man erst mal
in den vergangenen Jahrzehnten finden.
Man kennt sie immer noch nicht alle, aber man kennt
schon Hunderte.
Und die vielen
Funktionen, die eben daran
beteiligt sind: nicht nur visuelle Kaskade,
sondern auch Ablesung im Zellkern,
Transport von anderen Proteinen,
wie gesagt so was wie Zitratzyklus,
sogar dann
Vorgänge im Zellkern und so, alles wichtig.
Überall verstecken sich, in Anführungszeichen, RP-Gene,
und wir kennen mittlerweile viele und können
da 'ne Diagnostik durchführen.
Und das führt mich aber auch dazu, dass wir,
wenn wir jetzt so auf früher
zurückblicken, dass es früher sehr
kompliziert war, Diagnostik zu machen. Wenn wir uns
genetische Erkrankungen angucken,
dann war das früher auch noch sehr aufwendig,
überhaupt ein einzelnes Gen oder die Abschnitte
durchzulesen – wir sagen: zu sequenzieren –, diesen
Code zu lesen. Und dann gibt es Erkrankungen
wie die zystische Fibrose, die Mukoviszidose, wo es ein Gen
gibt, CFTR, was, wenn es einen Defekt hat, zu dieser Erkrankung
führt, aber kein weiteres.
Das heißt, wenn man da drin nichts findet,
wird's keine Mukoviszidose sein.
Das ist völlig anders
bei anderen Erkrankungen. Die Regel ist eher, dass wir –
hier ist mal die
steigende Zahl der Gene,
die verantwortlich sind, aufgetragen –,
die Regel ist eher, dass wir viele Gene haben, die bei
einem Defekt zu einer bestimmten Erkrankung führen.
Und wir sehen hier, dass
so was wie Entwicklungsverzögerung,
geistige Behinderung, psychomotorische Retardierung –
das ist wirklich
am Ende des Spektrums, das sind Tausende Gene,
die verantwortlich sein können.
Aber bei den
Hörstörungen und
Netzhautdystrophien sind es immerhin auch Hunderte.
Und das erklärt, wenn das früher
technisch aufwendig war, dass man nicht viel
anbieten konnte,
wenn man 'ne Diagnostik betreiben wollte. Und ganz kurz –
ich hatte
ja angedroht, ich geh so ein bisschen in die Details,
ich glaub, wir haben ja eben
ein bisschen mehr Zeit –,
um darauf einzugehen: Was wir uns anschauen,
ist eigentlich diese Nukleotidsequenz, diese DNA-
Sequenz, die aus vier Buchstaben –
also die vier Verbindungen, um die es da
geht, werden mit A, C, G und T abgekürzt.
Die schauen wir uns an, lesen
die durch und
vergleichen die mit der Zielsequenz. Wir wissen,
wie der Code jedes einzelnen Gens aussieht, und
vergleichen einfach das, was wir
beim Patienten gelesen haben, für das Rhodopsin-
Gen, für RPE65 und so weiter, mit dieser
Zielsequenz und sehen dann, wenn da eine Abweichung ist,
und müssen die dann
beurteilen: Ist das 'ne
Spielart, oder ist das
ein krankheitsauslösender Gendefekt?
Und hier ist es mal gezeigt. Hier gibt's dann so was,
manchmal
so 'ne Veränderung, die zu einem
Stoppcodon führt. Also
immer drei solcher DNA-
Bausteine kodieren für eine Aminosäure. Die Aminosäuren
werden dann beim
Übersetzen ins Protein aneinandergehängt,
dadurch entsteht das Protein.
Und es kann Signale geben, und es kann
Veränderungen geben, die führen
zu einem Stoppsignal, sodass keine Aminosäure eingebaut
wird, sondern die Proteinsynthese an der Stelle
stoppt. Dann hat man kein Protein mehr, dann weiß man
ziemlich genau, dass das
das Gen oder das Protein eben kaputt macht.
Ja, noch ein bisschen in diesen Bereich rein:
zur Genstruktur. Aber es ist vielleicht,
wenn Sie untersucht worden sind, auch gerade wenn –
darauf komm ich nachher
noch zu sprechen –, wenn bei Ihnen 'ne
Diagnostik gemacht wurde
und man hat bisher nichts gefunden,
ist es heute immer relevanter, sich anzuschauen:
Was wurde denn
wann untersucht,
wie weitgehend war denn die Untersuchung,
was hat man sich
angeschaut? Und deshalb gehe ich jetzt auf die
Genstruktur noch mal etwas ein, verspreche
Ihnen aber, dass ich Sie dann
damit auch gleich in Ruhe lasse.
Aber vielleicht ist es ja auch ein bisschen interessant.
Die Gene sind so
aufgebaut: Die allermeisten Gene haben wir
in jeder Zelle
einmal von der Mutter, einmal vom Vater. Wenn wir das X-
Chromosom jetzt mal ignorieren,
aber alles, was auf
Chromosom 1 bis 22 ist, haben wir in jeder Zelle doppelt.
Und da
ist die DNA so aufgebaut, dass wir kodierende
Abschnitte haben, die sogenannten Exons, das sind
mal hier so diese Blocks, als Block dargestellt,
und dazwischen haben wir große nicht
kodierende Abschnitte. Kodierender
Abschnitt heißt: Das wird in ein Protein
übersetzt, das wird wirklich dann
zusammengefügt, wenn man sich das hier anguckt, in der
RNA. Hier oben, das ist DNA,
da machen wir die Diagnostik.
Die RNA ist das, was wir zum Beispiel aus der Covid-
19-Impfung kennen.
Das ist praktisch die reife Nachricht,
das, wo dann das nicht Kodierende rausgeschnitten wird,
die übersetzt wird ins Protein.
Das ist die RNA. Also
wird das nicht Kodierende sozusagen
entsorgt, dann nur die kodierenden
Abschnitte aneinandergehängt, und die werden am Stück ins
Protein übersetzt. Das ist die
RNA, komme ich nachher noch drauf zu sprechen,
auch diagnostisch gewinnt das gerade an Relevanz.
Wie gesagt, die Diagnostik machen wir aktuell
eher hier oben, auf der
genetischen, auf der Gen-
ebene und nicht auf der RNA-Ebene.
Und das ist dann das, was da am Ende rauskommt:
Also die kodierenden Blocks
werden in der Zelle aneinandergefügt,
wenn die Zelle
das Protein neu bilden will, und dann wird
durchweg übersetzt. Das nicht Kodierende
soll nicht übersetzt werden,
deshalb werden diese Blocks
ausgeschnitten,
aneinandergefügt, und dann wird übersetzt in diese
einzelnen Kügelchen, das sollen die
Aminosäuren sein, die als Kette ein Protein bilden.
Und da hat man
immer in jeder Zelle
eine Kopie von der Mutter, eine vom
Vater, und dann wird das hier gebildet.
Wenn man auf einer Kopie 'ne
Mutation hat, dann hat 50 Prozent des Proteins diese
falsche Aminosäure zum Beispiel drin oder fehlt einfach.
Ja, also das hier oben, was jetzt noch mal
eingekästelt ist, ist das, was wir in der Diagnostik
berücksichtigen.
Der Vorteil
ist bei diesen
kodierenden Abschnitten: Die machen nur 2 Prozent
unseres Erbmaterials
aus. Also wenn man sich ein Gen
anschaut: Nur 2 Prozent sind kodierende
DNA, der Rest nicht.
Aber die krankheitsverursachenden
Mutationen liegen überwiegend in diesen Abschnitten,
ungefähr so 85 Prozent, 80 Prozent
liegen in diesen Abschnitten, und
auf die kann man sich
konzentrieren. Das heißt,
von den Daten her, alles, was wir da machen,
ist das ein viel geringerer Aufwand – auch kein kleiner
früher, heute geht es deutlich einfacher –,
aber darauf konzentrieren wir uns. Was jetzt
immer mehr interessant wird –
das nur so am Rande –, ist, dass man auch auf dieser
Ebene sequenzieren kann. Wir können auch gucken:
Was passiert denn auf dieser – die Message, die
praktisch
entsteht, diese Nachricht, die hier zusammengefügt wird –
entsteht hier ein Fehler durch etwas, was hier vielleicht
harmlos
aussieht? Was passiert denn hier auf dieser Ebene?
Das ist etwas, was wir
zunehmend in die Diagnostik
dann auch mit reinnehmen.
Früher war es eben so – hatte ich schon angesprochen –,
war das sehr aufwendig, einzelne Gene
zu untersuchen. Das heißt, wir hatten 'ne Diskrepanz
dann auch in der Beratung,
dass wir sagen konnten: Ja, es gibt schon viele Gene,
die man identifiziert hat,
aber diagnostisch kann man das nicht anbieten.
Jeder einzelne Abschnitt ist wahnsinnig aufwendig zu
synthetisieren im Labor anhand der Patienten-
DNA und zu sequenzieren, das waren unglaubliche Kosten
und war
zeitlich nicht machbar, gerade auch, weil es so viele
Gene sind, zum Teil sehr große Gene, und so weiter.
Und das, was so seit 2010 etwa sehr viel
Interesse auch hervorgerufen hat –
zu Recht, weil es sehr schnell in die Anwendung gekommen
ist –, sind Hochdurchsatztechniken, das
sogenannte Next Generation Sequencing,
also einfach 'ne neue Form der Hochdurchsatz-
lesung praktisch der DNA, NGS abgekürzt,
wo man kurze Abschnitte
liest, die sozusagen überlappend
und hochredundant anhand der Patienten-
DNA als Matrize diese Bereiche abdecken, also die
kodierenden Abschnitte abdecken.
Früher waren das sogenannte Gen-Panels,
wo man sagt: Das sind die Netzhautgene, die reichern
wir an. Und
dann – komm ich gleich noch drauf – heute macht man's
großzügiger und nimmt einfach das von allen Genen
und liest es dann
bioinformatisch aus. Aber wir konnten dann
plötzlich alles
sehr schnell erfassen. Und darauf komm ich
im Anschluss noch kurz. Jetzt haben wir,
was vor Jahren unvorstellbar war, die Möglichkeit, ganze
Genome, also wirklich alles, das gesamte
Erbgut, auch die restlichen 98 Prozent,
zu sequenzieren in langen Stücken,
in langen kontinuierlichen Abschnitten, also nicht mehr
von 250 DNA-Bausteinen, sondern 15.000 bis 20.000.
Das hat große Vorteile.
Diese Farbkodierung sehen Sie hier, weil wir damit
unterscheiden können die Kopie, die ein
Patient von seiner Mutter geerbt hat, und die er vom
Vater
geerbt hat. Ich komm nachher noch für Diagnostik und
Gentherapie darauf, was das bedeutet,
aber 'ne ganz andere
Möglichkeit der Auslesung. Das ist wirklich sehr neu,
das haben wir letztes Jahr –
erst seit Kurzem laufen gehabt, mittlerweile drückt
das sozusagen in die Routine,
weil's 'ne ganz andere Qualität gewährleistet.
Und diese Stücke,
die ich hier zeige, entweder die ganz kurzen
oder die langen, sind letzten Endes
nichts anderes als diese Gensequenz, die dann
der Computer erst mal abgleicht mit der Ziel-
sequenz, um zu gucken:
Gibt's da irgendwelche Abweichungen,
die verdächtig sind,
bevor sich ein Mensch dann
drübersetzt und das beurteilt?
Ja, und dann diese verschiedenen
Dimensionen, die man jetzt in den letzten Jahren
benutzt. Man hat früher –
ja, macht man eigentlich nicht mehr so viel, aber aus
Kostengründen –
angereichert die Netzhautgene,
die man kannte, die kodierenden Abschnitte, hier als IRD,
inherited retinal diseases,
also als Abkürzung genommen,
dann 200 oder 300
Gene, und musste die aber, die sogenannten Gen-
Panels, immer aktualisieren. Wenn neue Gene
identifiziert wurden, musste man es aktualisieren.
Deshalb ist man auch, als auch die Kosten der Produktion
von solchen Verfahren immer geringer
wurden, ist man eigentlich mehr dazu übergegangen,
dass man die Exomanalysen macht, das heißt,
alle kodierenden Abschnitte aller menschlichen Gene
parallel sequenziert und dann
per Bioinformatik nur die
Gene abfragt, die interessant sind, zum Beispiel alle
Gene für RP. Man hat eh alle
sequenziert, oder die kodierenden Abschnitte,
aber kann sich das dann
mit dem Computer rausfiltern.
Und um das
noch mal von der Dimension zu zeigen:
Früher haben wir Gen-Panels
analysiert, das war schon weit mehr –
das war der Durchbruch eigentlich, 2010, 2011 herum –,
als man vorher
machen konnte. Man konnte nur einzelne Gene
eigentlich sequenzieren. Dann
haben wir
ja, große Gen-
Panels sequenziert und dann irgendwann sogar
Exome, das heißt, alle 20.000 Gene, davon die kodierenden
Abschnitte. Und jetzt mittlerweile machen wir
Genome, die restlichen 98 Prozent, also riesige
Datenmengen auch, wo dann wirklich alles drin ist.
Wenn solche Verfahren
funktionieren – das sieht man mal hier –,
dann kann man damit auch wirklich viel
erreichen. Wir haben früher fast nichts
diagnostizieren können, und dann hat man durch diese NGS-
Anwendung – sieht man hier –,
dass man so ungefähr bei, je nachdem,
70 Prozent der Patienten mit RP zum Beispiel
die Diagnose findet. Und das hier sind alles
einzelne, unterschiedliche Gene,
in denen die Ursachen liegen.
Da sehen Sie auch, wie komplex das ist, wie viele
für sich genommen seltene Gene
dann insgesamt
dazu beitragen. Das ist ja so das Wesen der seltenen
Erkrankungen:
Zusammengenommen sind es dann doch eben relativ viele.
Ja, und wir können dann natürlich,
gerade wenn wir sehr umfassende Verfahren
machen wie die
Exomsequenzierung oder sogar des gesamten Erbguts,
können wir natürlich auch
über die bekannten Gene
hinausschauen.
Das heißt, wenn wir 'ne Genomsequenzierung
gemacht haben und es wird
heute ein neues RP-Gen wissenschaftlich beschrieben,
können wir den
Datensatz neu öffnen und können dieses Gen abfragen,
was vorher ein
unbeschriebenes Blatt war. Das heißt, die Daten liegen
dann vor, und man muss gar nicht unbedingt
'ne neue Analyse machen. Und
da überlappt es sehr mit Wissenschaft, was ich
vorn schon angesprochen hatte,
dass wir zum Teil
auch neue Sachen
finden. Und das ist ein Beispiel, was
wir mit den Kollegen
von der Gießener Augenklinik hatten:
eine Familie mit blutsverwandten Eltern,
zwei betroffenen Brüdern mit einer frühen
Netzhautdystrophie, eine gesunde Schwester.
Und wir haben nichts gefunden in einem
Panel bekannter Netzhautdystrophie-Gene und haben dann
alle Gene untersucht
und haben eine Variante gefunden in einem Gen,
was ein unbeschriebenes Blatt war bezüglich
Erkrankung, aber sehr gut erforscht war. Das war
der Transporter, der dadurch
kodiert wurde, der für Taurin, was man vielleicht – wenn man
sich bei Red Bull
mal 'ne Dose anschaut, dann ist immer
ein Gramm Taurin da drin, in diesen
Energydrinks.
Ist ein typisches Supplement, was man so in
Sportlernahrung und so findet.
Man weiß mittlerweile auch, dass Taurin für ganz viele
Vorgänge der Zelle wichtig ist. Und
man wusste, dass, wenn man das in der
Nahrung bei Katzen zum Beispiel
entzieht, kriegen die 'ne Netzhautdegeneration, die über
'ne gewisse Zeit reversibel ist.
Solche Sachen waren bekannt.
Und der Transporter,
der genetisch kodiert ist bei Menschen,
den haben wir hier
defekt gefunden, und das war unmittelbar
einsichtig. Es gibt mittlerweile ein paar mehr
Familien, die damit
beschrieben sind.
Das Interessante hierbei ist – das ist ein
glücklicher, seltener Zufall –, aber Taurin ist billig
zu haben, ist sozusagen
erprobt, und es konnten dann auch
Heilversuche direkt gemacht werden, um zu gucken,
ob das funktioniert.
Es scheint so, dass sich das günstig
auswirkt bei den Patienten,
wenn man einfach sehr viel Taurin
anbietet, damit es sozusagen
in die Zellen gedrückt wird. Also das war
eben ein neues Gen,
aber auch interessant vom Ansatz.
So was kann man nicht
planen, aber so was kann auch mal sein.
Ja, da ist das gute Taurin, wie man's
so auch kaufen kann.
Das ist dann wichtig, so was zu publizieren.
Wir haben dann kurz danach ein anderes
Netzhautgen, CEP162,
identifiziert
und publiziert, und da ist es immer
wichtig, dann auch –
auch hier mit der Frau Professor Liakopoulos,
nebenbei gesagt, auch noch zusammen, dieses zweitgenannte
Gen –, das ist immer wichtig,
so etwas dann auch bekannt zu machen,
damit es dann auch in der
Diagnostik bei anderen Eingang findet. Ist ja ein Gen,
was vorher nicht abgefragt wird, da es
nicht bekannt war. Also so was,
dieser Transfer in die Diagnostik,
ist dann erst mal wichtig, dass der
gewährleistet wird, damit diese Diagnose
nicht verpasst wird, weil
es ist immer wichtig, was von der
Bioinformatik sozusagen
abgefragt wird. Ja, und
jetzt so verschiedene Szenarien:
Was ist denn, wenn man trotz großer
Analyse, wie zum Beispiel so 'ner Exom-
analyse, nichts findet?
Was sind dann
die weiteren diagnostischen Schritte? Und das
zeigt hier mal – das sind solche Plattformen hier,
diese
Long-Read-Genom-Sequencer, damit man mal so 'ne
Vorstellung hat. Das sind die von dieser Firma PacBio
hier, die diese langen kontinuierlichen Abschnitte lesen.
Die haben wir dann vorletztes Jahr
bei uns aufgestellt und sind
da auch ein bisschen stolz, dass wir das als Erste weltweit
diagnostisch
eingeführt haben, und haben dann auch gesehen,
dass das was bringt,
dass wir Sachen finden, die vorher einfach
technisch bedingt
nicht zu finden waren,
selbst mit Genomsequenzierung
durch 'ne andere Technik.
Und ja, das nur so als
Hintergrund. Man kann halt sehr viele Sachen finden,
die man vorher
rein technisch bedingt einfach nicht sehen kann.
Und eine Sache, die interessant ist, die vielleicht auch
hier einigen geläufig ist: Wenn wir rezessive Gendefekte
identifizieren, dann ist es ja so, dass wir bei
einem Patienten zwei verschiedene Mutationen finden.
Und die Frage ist dann immer:
Sind die wirklich von
Vater und Mutter geerbt? Nur dann macht es Sinn,
dass zwei Mutationen
wirklich von beiden Eltern kommen.
Wenn die von einem
Elternteil kommen, dann liegen sie auf einer Kopie,
dann ist die zweite nicht betroffen,
dann erklärt das die Erkrankung nicht. Und so was
ist wichtig rauszufinden. Der Weg
ging immer so, dass man die Proben der Eltern
braucht oder von Geschwistern, aber optimalerweise
Eltern, um dann zu schauen:
Kommt das von beiden?
Und das ist nicht immer einfach.
Sind die Eltern verfügbar und so?
Das ist ja nicht immer so.
Und hier ist das mal –
jetzt was für einen Genetiker,
um sich dran zu erfreuen, aber ich kann mich daran
ein bisschen
langhangeln, das zeigen, müssen Sie mir einfach glauben.
Das zeigt einfach jetzt diese ganz extrem
lang gelesenen Abschnitte des RPE65-Gens,
und die Farbkodierung zeigt wieder: Die Informatik,
der Computer kann sofort erkennen:
Das ist das vom einen Elternteil, das lange
Stück, und das ist genau das gleiche Gen,
der gleiche Bereich vom anderen Elternteil.
Das kann man anhand der
vielen Varianten, die da drauf liegen, zuordnen,
dass es sich unterscheidet. Dann
haben wir einmal hier dies Grün-Braune
und einmal in Pink.
Und wir haben zwei
Mutationen, die auch interessant aussahen.
Die eine findet sich nur auf den pinken
Abschnitten und die andere nur auf den –
ups – auf den grün-braunen hier. Und
damit können wir sagen: Das kommt von beiden Eltern.
Wir können nicht sagen, was vom
Vater und was von der Mutter, aber wir können sagen:
Es kommt von beiden Eltern,
es kommt nicht nur von einem Elternteil.
Und das ist ganz wichtig. Erst mal geht's schnell,
das sieht man direkt an dem Patienten selbst,
man braucht keine Proben der Eltern zum Beispiel.
Und wenn es um RPE65-Gentherapie geht,
dann müssen die Varianten
eindeutig sein, und es muss auch nachgewiesen sein,
dass es wirklich
möglichst auf zwei verschiedenen Genkopien liegt.
Und wenn die Eltern jetzt verstorben
sind, wie in diesem
Stammbaum hier, dann hat man oft nur den Patienten.
Aber mit diesem
Verfahren der ganz langen Abschnitte kann man sehen,
ob es auf zwei Kopien
liegt, und das hat dann
'ne unmittelbare Relevanz. Da ist man auch fertig
und schreibt nicht: Wir haben zwei Sachen,
jetzt bräuchten wir die Eltern. Da kann
halt sehr viel Zeit
dazwischenliegen, wenn's überhaupt klappt, dass man die
analysieren kann.
Also das ist so ein
herausgegriffener Aspekt von diesen neuen Verfahren.
Das ist relativ simpel
eigentlich, aber das macht einen Riesenunterschied
bei der Befunderstellung und Interpretation.
Und dann kann so 'ne
Gentherapie – darauf gehe ich jetzt nicht weiter
im Detail ein – dann auch
erst mal genehmigt werden. Ja,
also es gibt die Möglichkeit, dass wir
eindeutige Ursachen identifizieren,
wie jetzt zum Beispiel in diesem Beispiel gerade,
zwei Mutationen in einem rezessiven Gen. Das klärt den
Erbgang,
das Wiederholungsrisiko, und man kann dann schauen,
je nachdem, um welches Gen
es geht: Gibt es da klinische Studien,
was entwickelt sich da an
Therapieoptionen und so weiter?
Also da hat man was an der Hand.
Dann ist es möglich, dass wir eben gar nichts finden
in dem, was wir analysieren. Und mögliche
Ursachen und Gründe sind zum
einen, was ich vorhin
schon ansprach oder versucht hab jetzt zu zeigen:
Wichtig
ist auch: Welche Methode, wann wurde das denn gemacht?
Wurde ein Gen-Panel gemacht vor zehn Jahren, wurde 'ne
Exomanalyse gemacht? Das war bis
vor ein paar Jahren noch am
Anfang, da hat man gesagt: Ja, mehr als
Exom geht nicht.
Jetzt sagen wir:
Es geht auch Genom. Wenn dann ein Genom mit
der alten Methode – in Anführungszeichen alt, das
sind dann ein paar Jahre –,
würden wir sagen,
wir würden jetzt 'ne Long-
Read-Sequenzierung machen,
weil wir wissen, dass bestimmte Sachen
auch in der Genomanalyse mit der
Noch-Standardtechnik oder dominierenden Technik
nicht gefunden werden. Diese Long-
Read-Analysen sind einfach von der Qualität
unschlagbar und finden
Sachen, die einfach durchrutschen.
Also das ist immer wichtig,
wo man dann sagt: Okay,
was wurde denn überhaupt gemacht? Dann kann's
natürlich immer sein,
dass es gar keine genetische Ursache gibt
und man da auch nichts finden kann,
ja, oder dass man sie eben einfach nicht kennt, nicht
erkannt hat, nicht gefunden hat. Wenn es jetzt so ein Gen
ist wie der Taurin-Transporter, dann ist das – wenn man da
nicht tiefer geguckt hat
und da war 'ne Veränderung zu sehen,
dann war das kein Krankheitsgen, dann wird's
eventuell von so 'ner bioinformatischen Abfrage
gar nicht angeboten,
und man schrammt
dran vorbei. Dabei wurde es durchgelesen und
liegt auf der Festplatte
als Daten.
Ja, und
es gibt so ein paar Sachen – deshalb
erheben wir auch einen Stammbaum –, es gibt
bestimmte Hinweise: dass familiäres Auftreten, also
familiäre
Häufung, spricht natürlich für 'ne erbliche Ursache,
dass beide Augen
auch ähnlich betroffen sind, spricht dafür,
frühes Auftreten ist
ein häufiger Hinweis auf 'ne erbliche Grundlage.
Und im Gegenteil, was spricht dagegen?
Atypische klinische Zeichen,
strenge Einseitigkeit oder starke Asymmetrie
und andere Risikofaktoren,
die die Netzhaut – bestimmte
Medikamente oder so – beeinträchtigen können.
Hohes Lebensalter, sehr spätes
Auftreten schließt es nicht aus, aber es ist
eher damit vereinbar, wenn man nichts findet,
dass man auch diese Möglichkeit in
Betracht ziehen muss, dass eine
Erkrankung nicht genetisch bedingt ist. Danke.
Ja, dann kann man auch ein bisschen mehr rausfinden,
also einen Blick sozusagen in die Zukunft oder auf
zusätzliche Symptome
bekommen. Ich hab das hier mal „Ursache plus“ genannt:
Mutationen, die zum Beispiel ein
Syndrom aufdecken.
Das ist oft, aber nicht nur, bei Kindern der Fall, wo
sich zusätzliche
Auffälligkeiten auch später
häufig noch entwickeln können. Und ein Beispiel,
was wir immer gerne zeigen,
weil wir da auch wirklich
mehrere Patienten schon hatten, ist das
Alström-Syndrom,
wo ganz häufig als Erstes 'ne schwere
Netzhautdegeneration, manchmal so wie die Lebersche
kongenitale Amaurose imponierend,
vorliegt oder auch zusätzlich 'ne Schwerhörigkeit.
Und wenn man den Gentest
macht, findet man dann häufig die Diagnose in diesem Gen,
wo man weiß, dass
viele andere Sachen dazugehören:
Kardiomyopathie, also 'ne
Herzmuskelerkrankung im Kindesalter,
Dysfunktion der Leber, andere
endokrinologische Erkrankungen wie auch zum Beispiel
Diabetes oder
Veränderung der Geschlechtshormone
und so weiter, Kleinwuchs,
Entwicklungsverzögerung. Das alles kann dazugehören,
darauf muss man achten. Und damit wird das auch
wichtig, dass es multidisziplinär betreut wird, dass also
verschiedene, zum Beispiel Kardiologen,
verschiedene Ärzte noch dazugeholt werden und, ja,
man darauf achtet,
welche Symptome
eventuell schon da sind.
Fettstoffwechselstörungen fallen dann oft
erst auf, wenn man danach guckt,
können ja aber auch behandelt werden,
können ja durch Medikamente
behandelt werden, und damit kann man
Sekundärschäden
auch vermeiden.
Und da geht's gar nicht um 'ne Gentherapie,
sondern einfach
um die Kenntnis: Was liegt hier eigentlich vor,
worauf müssen wir achten, und wo können wir Folgeschäden
verhindern und auch zum Beispiel durch Medikamente
behandeln? Ja,
so zusammenfassend ist es so, dass –
noch mal zum Formalen zurück – 'ne genetische
Testung Kassenleistung ist
bei gesetzlich Versicherten.
Bei Privatversicherten
muss man mit der Kasse die Kostenübernahme erst mal
klären.
Die Abklärung der genetischen Ursache ist heute,
je nachdem, worum's geht, aber oft möglich.
Wichtig
ist, dass man danach immer mehr auch individuell,
personalisiert
betreuen kann, wenn man weiß, worum's geht,
Beispiel Alström-Syndrom.
Dann, unklare Fälle:
Ist immer die Frage, was wurde
methodisch gemacht? Die
Genomsequenzierung mit der
neuesten Technik, dem sogenannten Long-Read, diesen
langen Abschnitten,
kann die Lücken
füllen, kann manchmal
erstaunlicherweise dann ganz klar die Lösung bringen,
obwohl man dachte, man hat
eigentlich alles,
in Anführungszeichen, schon mal gemacht. Und
dann ist es immer auch sicherlich ein Vorteil, wenn man
zum einen sehr aktuell den Stand
immer weiß, welche Gene
aktuell bekannt sind, aber auch weiß, wie man
bei passender Konstellation tiefer
schauen kann, auch in der Diagnostik, und neue Gene
identifiziert.
Dieser Taurin-Transporter,
auch das CEP162-Gen, das
wir zusammen auch mal bei dem Patienten
untersucht haben, das waren
Diagnostikfälle, das waren einfach diagnostische
Fragestellungen,
wo man dann anhand der Daten
aber auch tiefer gehen konnte und
etwas gefunden hat, was gar nicht bekannt war,
aber trotzdem die Ursache.
Und wichtig ist, denk ich, immer,
dass man schaut – und das ist auch ein bisschen unsere Aufgabe –:
Wo sind die klinischen und die genetischen
Spezialsprechstunden, wer
hat überhaupt an den Universitäten,
wie die Frau Professor Liakopoulos,
einen Schwerpunkt Richtung
Netzhautdystrophien und
kennt sich damit gut aus? Das ist wie in allen Bereichen
immer ein Vorteil.
Dann möchte ich
noch kurz drauf hinweisen:
Wenn Sie sich über die Genetik weiter
informieren wollen, wir sind hier mit einem Stand
auch vertreten.
Die Kolleginnen sitzen hier zum Teil auch
gerade im Publikum, und wir
sind hier um die Ecke auch ansprechbar, wenn Sie
Fragen haben zur Genetik und wie man
sich das Ganze vorzustellen
hat, weil das jetzt natürlich erst mal
viel Info auch ist. Und ja,
es gibt auch Informationsmaterial da,
zum Beispiel auch in
Brailleschrift, wo man die wichtigsten
Informationen dann zu den
Beratungen finden kann. Und
dann freu ich mich auf Ihre Fragen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ja, gibt's Wortmeldungen
für Professor Bolz? Danke.
Hat jemand 'ne Frage?
Es kann nicht sein, dass
keine Fragen da sind. Da – ich komme zu Ihnen.
Wir nehmen das Mikro, damit die Leute, die im
Chat mit dabei sind, auch was hören.
Ah ja, vielen Dank, Herr Professor
Bolz, für den interessanten Vortrag.
Mein Name ist [Name].
Relativ praktische Frage:
Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, ich erwarte
es jetzt nicht – ich war vor vier Jahren, glaub ich, 2022
hab ich bei Ihnen diese
humangenetische Analyse machen lassen,
hat auch was gefunden, ABCA4-Gen,
Genaueres müsste ich noch mal in dem
Bericht gucken, im Befund.
Sie hatten jetzt erwähnt,
in den letzten paar Jahren
hätte sich da die Diagnostik technisch großartig
verbessert. Ich war 2022 bei Ihnen,
also ist das jetzt so kürzlich neu, also würde es,
sag ich mal, Sinn machen,
quasi noch mal 'ne Analyse zu machen,
um quasi eventuell noch mehr zu finden und
noch Genaueres zu finden?
Oder ist diese Analyse
von vor vier Jahren eigentlich schon
auf dem neuesten technischen Stand,
und da wird sich jetzt nicht viel ändern, wenn man es
jetzt noch mal ganz aktuell machen würde?
Also das kommt tatsächlich drauf an. Das
ABCA4-Gen ist ja
auch schon lange bekannt und wird auch so in seiner
Gänze, was die kodierenden Abschnitte angeht,
analysiert. Aber Sie haben recht,
durch die Techniken –
also wir finden
auch im ABCA4-Gen heute
Veränderungen, die wir vorher nicht detektieren konnten.
Und auf
Ihre Frage bezogen heißt das
einfach: Man muss auf den Einzelfall schauen. Wie
sah Ihr Befund
aus? Waren das ganz plausible, unzweifelhafte
Veränderungen,
die das erklären,
dann braucht man das sicherlich nicht.
Wir haben aber auch immer wieder
Situationen, wo wir Befunde
hatten, wo man einfach, ja, das Gen
mit den damaligen Methoden durchgelesen hat,
Veränderungen gefunden hat,
die man dann interpretiert hat, zum Beispiel eine ganz
eindeutige und eine, die bisher
nicht beschrieben war und die
so von der Vorhersage, was sie ausmacht,
so vage war. Da
kann es durchaus Sinn machen,
dass man sagt,
man schaut mit der neuen Technologie noch mal drauf,
ob sich nicht 'ne deutlichere, klare Veränderung findet.
Gerade die sind
manchmal mit den alten Techniken durchgerutscht
im gleichen Gen.
Also kurz gesagt würd ich sagen:
Wir schauen noch mal auf Ihren Befund
und gucken uns das
an. Wenn der völlig eindeutig war von den Veränderungen
her, dann braucht man das sicherlich nicht.
Wenn man sagt, eine Veränderung war jetzt so,
also nicht ganz klar,
dann kann es durchaus
Sinn machen, mit der neuen Technik noch mal
das Gen und auch darüber hinaus anzuschauen. Ja.
Weitere Frage
hier im Publikum? Im Chat gibt's auch Fragen,
aber wenn Sie die Hand heben, komm ich zu Ihnen. Ja,
da, hier hinten rechts, komme sofort.
Guten Tag, Herr Professor.
Ich war vor sechs oder sieben Jahren bei Ihnen. Ich hab
RP, und mit unklaren Aussagen.
Würde sich das
denn in jedem Fall
lohnen? Ich bin aber privat versichert, das
war ein bisschen schwierig damals.
Also das müssen wir uns auch noch mal
sehr
im Einzelfall anschauen, wenn Sie den Befund
dabeihaben
oder Sie sich einfach noch mal bei uns melden.
Das war kein klarer Befund, sagen Sie. Und ja,
dann klingt es so, als ob es Sinn macht.
Wir berichten
schon auch, wenn man
so einen Befund – das hatte ich jetzt nicht
im Einzelnen gezeigt –
hat, dann berichten wir zum Teil auch Varianten, die
nicht ganz
eindeutig sind, damit sie nicht verloren gehen. Und
also so 'ne Neubewertung
kann auch auf dem Papier sozusagen Sinn machen. Manchmal
ist das so, dass sich die Datenlage
auch einfach verändert hat und man
entweder mehr Patienten, mehr Familien gefunden hat,
wo man sagt, die haben auch alle genau diese Veränderung,
das kann man jetzt –
würde man von der Bewertung, von der Klassifizierung
verändern und sagen: Ja, ist ganz sicher die Ursache.
Oder auch im Gegenteil, dass man sagt,
man hat jetzt an mehreren
Familien gesehen: Das ist es gerade nicht,
die wird auch von
Gesunden getragen, und die hatten
alle 'ne andere Ursache.
Das ist durchaus möglich. Und
wann war's? 2020, ja.
2020, da war es
auch so, dass wir natürlich
noch mit 'ner anderen Technik
daran gearbeitet haben,
schon dem Maximum, was damals
verfügbar war, aber
jetzt eben auch 'ne andere Situation haben.
Also es kann durchaus
möglich sein. Das ist auch so, es war immer so:
Am Anfang hatten wir Panels,
wo wir gezielt
analysiert haben, dann konnten wir das Exom machen,
dann machen einige mit der alten Technik das
Genom, und jetzt sind wir aber, glaub ich, erst mal
für die nächste Zeit am Anschlag mit diesem Long-
Read-Genom. Aber da
kann es immer noch mal Sinn machen, wirklich anders
drauf zu gucken,
weil der Blick noch mal deutlich tiefer ist. Also
genau, gerne bitte zu 'ner Beratung anmelden
und gerne auch sagen, dass Sie schon –
das war wahrscheinlich am Senckenberg-Zentrum –,
sagen, dass Sie
schon mal beraten worden sind und das gerne noch mal
besprechen wollen. Ah ja, okay.
Oh ja, okay, das ist ja schon echt ein paar Tage her. Ja.
Ja, also gerne bei uns melden, und wir schauen uns
das noch mal aktuell an und schauen, was Sinn macht.
Herr Bolz, im Chat:
„Gibt es dieses Projekt auch in Österreich?
Toller Vortrag.
Selbsthilfegruppe Glaukom Österreich.“
Ja, vielen Dank. Also
das Projekt, wahrscheinlich
die Technik, die Herangehensweise.
Ja, also diese Long-
Read-Genomsequenzierung breitet
sich glücklicherweise sozusagen in der Anwendung aus,
das ist sehr, sehr stark jetzt im Kommen. Und
zum Beispiel an der Universität
Innsbruck, von dem Professor Zschocke
das Institut, die
sind auch relativ früh damit
dabei gewesen und wenden das auch an.
Also auch in Österreich ist man da
auf dem Stand.
Ja, das Zweite: „Wie viele Augenerkrankungen gibt es,
inklusive seltener Augenerkrankungen?“
Aus der gleichen Frage-Ecke. Ich mein, das ist jetzt
schwer zu sagen. Gibt's schon mal 'ne Zahl?
Ja, also es gibt 'ne ganze Menge.
Ist auch die Frage, wie man das definiert.
Es gibt sicherlich klinische
Einteilungen, da kann meine
Kollegin gleich noch deutlich genauer
Stellung nehmen, also RP,
Makuladystrophie,
Zapfen-Stäbchen-Dystrophie
und so weiter.
Und dann, wenn man das natürlich
genetisch unterteilt – und das
kann aus 'ner gewissen Perspektive
auch Sinn machen,
welcher Erbgang, oder sogar, dass man je nach Gen
das als einzelne
Erkrankung sieht, was ja durchaus
'ne Berechtigung hat –, dann sind's natürlich
Hunderte. Genetisch, wenn man von der Ursache ausgeht,
gibt es Hunderte verschiedene Augenerkrankungen.
Aus dem Chat:
„Sollten Menschen, die nur sehr wenig
beziehungsweise
gar kein Wissen über Erkrankungen der Familie haben,
dann überhaupt eine Chance –
zum Beispiel mit einem Glaukom zu Ihnen kommen?“
Wenn in der Familie nichts
bekannt ist? Doch, das kann Sinn machen. Also auch gerade
beim Glaukom,
es gibt ja viele
Ursachen, viele sind auch nicht erblich, aber
das eine Gen
vor allen Dingen, was es da gibt, ist eben
relativ häufig verantwortlich, ist sogar sehr
überschaubar untersuchbar, also vom Aufwand her.
Das macht schon Sinn, vielleicht
so was als Ursache erst mal auszuschließen, ja.
Und das kann durchaus
sein, dass man
da in der Familie der einzige Betroffene ist und das
trotzdem erblich ist.
Und das Letzte,
aus dem Chat:
„Kann es sich dann vorteilhaft auswirken, wenn man als
RP-Patientin
Red Bull, Taurin trinkt, oder gibt es auch
Nachteile und Nebenwirkungen?“
Das ist 'ne gefährliche Frage für mich.
Also ich hab das aus dem Grund auch immer vermieden,
aber jeder kennt
Red Bull, und es steht Taurin drauf.
Aber auch Monster
oder wie die alle heißen,
da ist auch meistens Taurin drin,
einfach, also in vieler
Sportlernahrung,
so als Ergänzung.
Damit wollt ich vor allem drauf hinweisen:
Das bringt
offensichtlich keine Nebenwirkungen,
die bekannt sind, sondern
ist sozusagen glücklicherweise dadurch erprobt.
Dass man jetzt
Taurin in hoher Dosis einfach zu sich nimmt,
auf welchem Wege auch immer, macht sicherlich
aktuell nur – und dann auch so als Heilversuch,
auch ohne Gewähr – Sinn
bei
den wenigen Patienten, die wir kennen, die genau da den
Gendefekt haben. Für anders bedingte Netzhautdystrophien –
das sind ja die meisten –
ist es keine pauschale Methode, das auszubremsen.
Letztendlich muss man das vielleicht kommentieren:
Die
LHON als genetische Erkrankung –
zufällig identifiziert, dass Idebenon wirkt,
ja, und das ist ja
nicht gezielte Forschung gewesen, sondern
es sind Leute mit
'ner LHON in die Muckibude gegangen in
den Vereinigten Staaten. Da gab's Idebenon
frei als kraft-
förderndes Mittel, und die haben gesagt:
Hoppla, mein Sehen kommt wieder.
Da ist man dann aufgesprungen –
also heute teuer als Raxone verkauft.
Auf diesen Zug ist man aufgesprungen,
weil dieser Fall tatsächlich passiert ist. Ich sag
meinen Patienten immer: Solange das Zeug nicht schadet,
ausprobieren
kann man ja machen, ja.
Aber Sie müssen selbst beurteilen, ob sich was ändert.
Und wenn der
Gendefekt nicht da ist, ist es ja auch nicht sinnvoll.
So, hier gibt's noch 'ne Frage.
Hallo.
Vielen Dank.
Also bei mir wurde vor
circa 15 Jahren
ADOA diagnostiziert, also auf dem OPA1-Gen
eine Mutation. Also meine Eltern
sind beide untersucht worden, die haben's nicht.
Und mich würde jetzt auch interessieren,
ob da jetzt noch mal so 'ne
molekulargenetische Untersuchung
Sinn machen würde.
Ist jetzt schon ziemlich lang her.
Ja, und ob Sie auch
mit anderen Forschungszentren zusammenarbeiten, weil
das find ich immer ganz
gut, wenn sich dann eben so
die Wissenschaftler austauschen.
Ja, also das kann gut sein, dass das ausreicht, die Diagnostik.
Auch wieder so: Man könnte sich das mal anschauen.
Aber auch gerade
bei der dominanten
Optikusatrophie mit OPA1-Mutation
ist es oft so, dass die
schon beschrieben sind,
sehr eindeutig sind, im Sinne von
Stoppmutation oder so. Und dann auch gerade die Tatsache,
dass beide Eltern sie nicht tragen,
weist ja auf 'ne
Neumutation hin, was auch an sich sehr hinweisend ist.
Wahrscheinlich –
also es klingt für mich so, ohne dass ich den
Befund jetzt kenne,
dass das wahrscheinlich geklärt ist. Und
wir arbeiten da viel auch
mit anderen Wissenschaftlern und
klinischen Kollegen wissenschaftlich zusammen,
also genau, mit zum Beispiel Frau Professor Lia-
kopoulos bei dem CEP162-Gen und anderen.
Also eigentlich ist es immer so,
dass das optimalerweise als gute
Zusammenarbeit
zwischen den verschiedenen Bereichen
funktionieren sollte. Und auch
bei ganz neuen Sachen sind
Publikationen wichtig, damit das bekannt wird und nicht
irgendwie Geheimwissen ist und damit
auch die Entwicklungen auf den verschiedenen Ebenen
weitergehen. Also auch,
wenn wir das Taurin als Beispiel nehmen,
gibt es da natürlich Gruppen, die lange daran geforscht
haben,
an Lebererkrankungen zum Beispiel, in Düsseldorf
ein Kollege, der da schon sehr viel gemacht hatte
und natürlich in die Richtung weitergehen kann.
Und das ist wichtig, sich da
auszutauschen. Also das
ist einfach wichtig,
sehen wir so und sehen, glaub ich, die allermeisten so.
Hallo, mein Name ist Lia-
kopoulos, ich bin Oberärztin in der
Uniklinik in Frankfurt
und, wie Sie grad schon mehrfach gehört haben,
spezialisiert auf seltene Netzhauterkrankungen.
Wir arbeiten sehr intensiv mit Herrn Professor Bolz
zusammen bei allen Patienten, bei denen wir
Blut abnehmen, die Genetik anstoßen.
Das ist tatsächlich extrem
hilfreich, wenn man da auch so einen kurzen
Draht haben kann, weil wir einfach immer wieder
erleben, dass
bei der genetischen Untersuchung
es essenziell ist, mit einem Labor zu arbeiten,
das auch wirklich darauf spezialisiert ist,
weil das Ganze sehr komplex ist,
damit wir eben bei den Patienten möglichst
klare
Diagnosen erhalten können.
Wunderbar.
Die erblichen Netzhauterkrankungen
zählen zu den seltenen Erkrankungen,
das heißt, wenn weniger als 5 von 10.000 Personen
betroffen sind.
Es gibt über 100 verschiedene Krankheitsbilder.
Das kann entweder
'ne reine Augenerkrankung sein oder aber auch
eine Augenbeteiligung
bei einem Syndrom oder einer Systemerkrankung,
wie wir grad auch schon gehört haben.
Das Spannende ist:
Diese Erkrankungen sind in jedem Alter möglich.
Das heißt, es gibt Kinder, die zu uns kommen,
es gibt manchmal Erwachsene, die zu uns kommen,
wo man eigentlich,
ja, vermuten würde: Wie kann das sein, dass das jetzt –
Es irritiert mich, Verzeihung.
Danke.
Also wir haben Kinder, die zu uns kommen,
schon sehr früh, die die ersten Beschwerden haben.
Es ist manchmal möglich, dass Erwachsene kommen,
wo man eigentlich
dann denken würde: Das kann ja jetzt gar keine
Erberkrankung mehr sein,
wenn ich das als Erwachsener wirklich erst
wahrnehme. Das ist durchaus aber
gar nicht so selten der Fall.
Mein ältester Patient war, glaub ich, 80 Jahre,
der erstmals eine Erkrankung diagnostiziert bekommen
hat. Da fragt man sich: Warum kann das
sein, dass das so spät erst
auffällt? Und der Grund ist, dass das typischerweise
schleichende Sehverschlechterungen sind,
unspezifische Beschwerden,
manchmal auch in der Peripherie zuerst
einfach das Gesichtsfeld eingeengt ist.
Und wenn das so sehr langsam schleichend
fortschreitet,
dann bemerkt man das als Patient einfach
nicht oder erst sehr spät. Das sind
Blendungsempfindlichkeit,
die häufig dann schon, wenn man nachfragt,
schon seit früher Kindheit vorliegt,
Farbsinnstörungen
oder eben auch häufig Probleme in der Dämmerung oder
bei Nacht.
Also wenn man dann fragt, sagen die Patienten: Doch, seit
vielen, vielen Jahren,
möglicherweise schon seit der Kindheit, merk ich eigentlich,
dass ich nachts nicht so gut sehe wie alle anderen.
Das heißt, das sind alles
Beschwerden, mit denen die Patienten kommen können.
Es gibt 'ne große
Variabilität, auch innerhalb der Familie.
Also es kann sein, dass ein betroffener Patient sehr früh
eine Sehverschlechterung hat und ein anderer erst
tatsächlich sehr spät oder
nie dramatische Sehverluste erleidet. Also auch da
gibt es Unterschiede.
Und es ist dann häufig so ein bisschen so, wie wenn
ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt.
Das heißt, es gibt irgendwann den Punkt,
da bemerkt man plötzlich:
Irgendwas
stimmt nicht, irgendwas ist doch anders
bei mir als bei anderen.
Vielleicht, wenn man dann überlegt, fällt einem
auf, dass man auch schon vorher häufiger gestolpert ist
oder sich den Kopf
angestoßen hat in der Küche an irgendwelchen
Oberschränken, aber das immer auf
vielleicht Müdigkeit oder Pech geschoben hat
und dann plötzlich merkt: Nee,
da scheint ein Muster drin zu sein, das ist so oft,
da könnte doch eine Erkrankung dahinterstecken. Ja,
und dann ist es gar nicht so selten,
dass dann die lange
Suche losgeht.
Patienten gehen zum ersten Augenarzt, der vielleicht
in der Routine auf den ersten Blick
nicht direkt etwas erkennen kann.
Gerade wenn die zentrale Sehkraft noch gut ist,
vielleicht das Gesichtsfeld oder so unspezifische
Beschwerden sind,
ist es nicht immer so, dass man das
beim Blick in das Auge direkt, unmittelbar
sieht. Dann muss man natürlich auch
zu einem Spezialisten
gehen, der dann daran denkt und auf die Idee
überhaupt kommt: Das kann sein, dass das doch 'ne
Erberkrankung ist, die
dahintersteckt, hinter diesen Beschwerden. Und
das heißt, das ist ein bisschen wie Detektivarbeit.
Wenn man das gut macht,
dann macht man 'ne Anamnese,
das heißt, man fragt nach Familienangehörigen,
wirklich nach den Beschwerden. Ja, man schaut
auch, ob irgendwelche Hinweise
darauf sind, dass es 'ne Systemerkrankung oder ein Syndrom
sein kann.
Man macht 'ne ganze große Menge an Funktionstests, also
zentrale
Sehkraft, Gesichtsfeld, man kann die Farben testen,
man kann elektrophysiologisch
wie so 'ne Art
EKG vom Auge machen und genau die Funktion der
Stäbchen und der Zapfen testen. Das sind die beiden
Zellarten, die
für das Farben-
sehen und für das Schwarz-Weiß-Sehen
zuständig sind. Und man kann
richtig gute Bildgebung machen
mittlerweile, auch da hat es
rasante Fortschritte gegeben in den letzten
Jahren und Jahrzehnten.
Noch vor 20 Jahren,
weiß ich noch, haben wir das erste OCT-
Gerät gekauft und waren
alle völlig begeistert, dass wir die Netzhaut plötzlich
im Querschnitt
angucken konnten.
Vorher konnten wir nämlich nur auf die Netzhaut
draufschauen. Und seit der Zeit haben sich diese OCT-
– ich zeig gleich auch noch Beispiele –
Geräte so stark verbessert, dass wir mittlerweile die
Netzhaut untersuchen können, fast als wenn wir einen
histologischen Schnitt machen würden. Also bis zu
'nem Bruchteil eines Millimeters
können wir ganz genau die Zellen anschauen,
ob sie erkrankt sind oder nicht,
und vor allen Dingen –
und das ist dann auch wichtig im Verlauf –, ob sich die
Erkrankung
verändert, verschlechtert, und wenn ja, in welchem Tempo.
Ja, wenn wir dann sagen:
Sieht alles so aus, könnte doch 'ne
Erberkrankung sein, dann machen wir
'ne genetische Untersuchung
und schauen nach, ob wir eine
eindeutige genetische Ursache finden können,
die uns das beweist,
oder, wenn wir das eben nicht haben,
dass man dann immer auch noch daran denkt,
dass man eventuell doch eine
Phänokopie, heißt das, haben könnte,
also 'ne andere Erkrankung.
Es gibt verschiedene
Infektionen, die so ähnlich am Auge aussehen können
wie eine Erberkrankung.
Manchmal gibt's auch Medikamentennebenwirkungen,
die sich ähnlich zeigen können,
oder auch Autoimmunerkrankungen,
zum Beispiel als Reaktion auf einen Krebs
oder auch ohne Krebs,
können sich am Auge ähnlich zeigen. Das heißt,
wann immer wir dann in der Genetik
nicht ganz sicher sind, muss man einmal
diese anderen Gründe auch mit ausschließen.
Das heißt, es ist ganz wichtig,
dass man 'ne gute Zusammenarbeit hat,
interdisziplinär,
mit den Genetikern, aber auch mit Internisten,
Kinderärzten, Rheumatologen,
um dann eben möglichst genau einordnen zu können, was
jetzt für eine Erkrankung vorliegt, wo die Ursache ist.
Erfreulicherweise gibt es seit einigen
Jahren, mittlerweile recht vielen Jahren,
von der Politik Unterstützung. Es gibt
insgesamt das Bestreben, dass man erkannt hat:
Ja, es sind zwar seltene Erkrankungen, aber
in der Summe sind eben
doch viele Patienten betroffen. Und dass das
wirklich auch ankommt,
das merkt man in der Klinik,
die Förderung, dass man auch
in der Uniklinik früher
Schwierigkeiten hatte, wenn man
Patienten mit seltenen
Erkrankungen ausführlich untersuchen wollte.
Es war einfach nicht die Zeit,
ähnlich wie in den Praxen. Man hat dann
volle Sprechstunden, muss als junger Assistent
30 Patienten am Tag schnell
durcharbeiten,
da bleibt nicht die Zeit
für so eine gründliche Diagnostik.
Und seit einiger Zeit gibt es,
auch im Rahmen dieses Nationalen
Aktionsplanes, der erstellt worden ist 2013 –
da komm ich gleich drauf –,
Zentren überall in Deutschland, die eben gerade
die Möglichkeit haben
sollen, sich damit zu beschäftigen,
mit den Patienten,
eben damit man Patienten-
information, Betreuung, Behandlung optimieren kann,
damit man sich vernetzt,
damit die Forschung auch gefördert wird, dass es
'ne bessere Koordination gibt zwischen Forschung,
Krankenversorgung und eben den Innovationen, die
gefühlt jede Woche auf uns hereinbrechen in
Bezug auf diese Erkrankungen, sodass
einfach schneller
auch dann neue Erkenntnisse bei den Patienten ankommen.
Und das sind diese Zentren,
die in Deutschland seit einigen Jahren existieren.
2021
gab's den Start dieser
Zertifizierungsverfahren. Das heißt, erst mal gibt's Typ-
A-Zentren
in einer Uniklinik, das sind häufig innere
Abteilungen oder 'ne Kinderheilkunde, die jetzt
das Zentrum
für seltene Erkrankungen in dieser Uniklinik gründet
und dann ganz viele –
heißt das – Typ-B-Zentren
unter ihren Deckel nimmt.
Das heißt, die Augenheilkunde, die Dermatologie,
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde,
alle Fachbereiche in der Uni, die
daran teilnehmen möchten,
werden dann in dieses Zentrum integriert, damit man einen
intensiven Austausch
hat. Es gibt da auch Besprechungen von Fällen
zusammen, und man hat einen kürzeren Weg,
wenn man die Patienten
konsiliarisch mit vorstellen möchte.
Und das, tatsächlich,
merke ich auch im klinischen
Alltag, das ist
nicht nur schöne Form, sondern das ist tatsächlich
etwas, was uns
unheimlich weitergebracht hat.
Und das ist auch für die Unikliniken attraktiv, weil's
gewünscht ist,
und auch das merkt man.
Denn wir dürfen jetzt 15 Patienten
einbestellen an einem Tag und müssen nicht 30, 40
durchschauen und haben sogar dafür noch
einen ganzen Assistenten.
Das heißt, das ist wirklich so, dass
das zum Glück gefördert wird und wir
da auch mehr Möglichkeiten haben, in Ruhe auch in den
Unikliniken auf die Patienten einzugehen.
Es gibt auch Netzwerke, die sich über die Zeit jetzt
entwickelt haben,
auch in Deutschland das sogenannte Deutsche
Referenznetzwerk für seltene Augenerkrankungen, 2021 von
Tübingen
unter Leitung von Professor Stingl gegründet.
Das sind viele Augenkliniken in Deutschland,
die hier zusammenarbeiten. Es gibt regelmäßig auch
Fortbildungen, wo Fälle präsentiert werden.
Die kann man auch –
als Patient
kann man sich dort auch
einwählen, wenn man möchte. Und die Unikliniken,
die Assistenzärzte in allen
Unikliniken sind aufgefordert,
daran teilzunehmen, Fälle vorzustellen,
eben um hier sowohl
fortzubilden für junge Assistenten,
aber auch unter den Kollegen
sich austauschen zu können,
gemeinsam auf Fälle zu schauen und eben
zu gucken: Der eine hat vielleicht dann doch
hier mehr Erfahrung, der andere hier.
Bei seltenen Erkrankungen kann man sich
auch vorstellen: Egal, wie viel Expertise man hat,
irgendwann gibt's immer noch einen Fall,
den hat man noch nicht selber gesehen.
Und da ist das dann hilfreich,
wenn man sich austauschen kann und dazulernt.
Was machen wir jetzt bei uns in der Sprechstunde,
wenn Sie kommen?
Wir fragen eben: Welche Sehstörungen bestehen,
seit wann bestehen die, sind denn andere Erkrankungen
bekannt,
welche Medikamente werden eingenommen, die vielleicht
toxisch sein könnten,
gibt's weitere Beschwerden, Auffälligkeiten?
Wichtig auch eben Familienanamnese:
Gibt es hier andere Personen, die betroffen sind?
Und auch die Frage, ob die Eltern
verwandt sind oder aus einem
kleinen Ort kommen, immer mit dem Hintergedanken,
dass in solchen Familien eben
das Risiko für autosomal-
rezessive Erkrankungen erhöht ist,
also diese Erkrankungen,
die auftreten, wenn jemand
von beiden Elternteilen das gleiche seltene erkrankte
Gen erbt
und dann dadurch
diese rezessive Erkrankung entwickelt.
Das sind jetzt mal Fotos von
Tests, die wir bei uns machen.
Das kennen Sie wahrscheinlich alle,
Sehtests natürlich,
gibt's aber auch
unterschiedliche Formen von
Gesichtsfeldprüfung, dass man
schaut, ob im äußeren Bereich des Gesichtsfeldes
alles in Ordnung
ist, und diese Elektrophysiologie hier rechts,
so 'ne Art EKG vom Auge,
wo man genau die
Ströme messen kann und unterscheiden kann,
welche Art Zellen vielleicht erkrankt sind.
Dann gucken wir uns die Augen an, mit der Spaltlampe den
vorderen Augenabschnitt, und mit den
kleinen Lupen
können wir auf die
Netzhaut schauen, den Sehnerven beurteilen, die Gefäße
sehen, auch hier manchmal schon Veränderungen erkennen.
Und dann haben wir
OCT- und Funduskamera-Geräte,
wie Sie die hier rechts sehen, wo Sie einfach den Kopf
hineinsetzen,
Stirn oben gegen, und das ist 'ne Art Foto, die man macht.
Das dauert eigentlich nur wenige Sekunden,
und man hat wirklich dann
nahezu histologisch solche Aufnahmen,
wie das hier einmal zu sehen ist. Ich hab
ein bisschen den Zeiger verloren, ich mach's mit der
Maus, geht's auch.
In der Mitte von diesem Bild sehen Sie diese großen
schwarzen Hohlräume, das sind sogenannte
zystoide Räume, also Flüssigkeitseinlagerungen,
die bei diesem Patienten mit einer
Retinopathia pigmentosa
auftreten. Das kann passieren, das muss nicht passieren.
Was aber noch
viel wichtiger ist
als dieser Befund, der zuerst ins Auge springt,
ist die Tatsache, dass
hier außen die Netzhaut verdünnt. Das heißt, Sie sehen
hier in der Mitte
drei Linien, das sind die Fotorezeptorbanden,
also mit diesen Zellen
wird das Licht aufgenommen
und dann durch die Netzhaut hindurch weitergeleitet
in die innere
Netzhaut, hier die Nervenfaserschicht, und von dort dann –
upsi – von dort dann
an das Gehirn weitergeleitet. Ja, ist egal.
Ja, ans Gehirn weitergeleitet, so-
dass der Seheindruck dann entsteht.
Das heißt, diese
Fotorezeptorbanden in der Mitte,
die sind ganz wesentlich und wichtig für das Sehen.
Und man sieht bei diesem Patienten,
dass hier schon relativ
zügig, wenn's in die Peripherie geht, nach außen,
dass dann hier die äußere Netzhaut
dünner wird, die Fotorezeptorbanden
nicht mehr sichtbar sind.
Und das ist plausibel,
dass in dem Bereich auch der Patient kein Licht
wahrnimmt, dann vielleicht Schwierigkeiten hat, wenn er
durch 'ne Tür
geht, sich stößt, oder im Straßenverkehr.
Das ist ganz, ganz wichtig, dass man
sich dessen bewusst ist,
dass das Gesichtsfeld
eingeengt ist im Vergleich zu anderen Menschen.
Wir haben nicht nur diese OCT-
Aufnahmen, wir haben auch noch
andere Bilder, die uns da helfen, und –
ja, prima –
andere Bilder, die uns helfen,
insbesondere
Autofluoreszenzaufnahmen. Das sind solche Schwarz-Weiß-
Bilder,
die bestimmte Stoffe –
Lipofuszin heißt das – im Pigmentepithel darstellen können.
Und hier sehen wir auch typische Muster, die hinweisend
sind auf unterschiedliche Krankheitsbilder und auch auf
die Progredienz dieser Krankheitsbilder.
Hier haben wir noch mal andere Beispiele,
Weitwinkelaufnahmen.
Auch da haben sich die Bilder
weiter verändert, dass wir mittlerweile mit einem Bild
viel mehr Bereich vom Auge
aufnehmen können,
als das früher der Fall war, wo wir immer nur
das Zentrum gesehen haben.
Hier in der Mitte zum Beispiel
sehen Sie ein schönes Beispiel
von einem Morbus Stargardt, also einem Patienten, bei dem
der zentrale Bereich der Netzhaut betroffen ist.
Also hier sind die
Fotorezeptorbanden in der Mitte
nicht mehr in Ordnung, und das führt dazu, dass man dann
alles das, was man genau anschauen möchte,
nicht gut sehen kann: Gesichter, Lesen.
Der äußere Bereich ist in Ordnung, das Zentrum
ist betroffen.
Und typisch für die Erkrankung sind diese hellen
Flecken hier in der Autofluoreszenz, sogenannte
Stargardt-Flecken.
Also auch das nur als Beispiel,
wie die Bilder uns helfen können. Ja,
die Anzahl der identifizierten Gene
für Netzhauterkrankungen steigt immer weiter an.
Ich gesteh, das ist ein sehr altes
Slide, das ist nämlich jetzt hier schon von
2016, und da haben wir gezeigt,
wie viel besser das geworden
ist. Bis heute kann man, glaub ich, das noch mal
deutlich nach oben
potenzieren. Wir haben's auch gerade schon
gehört von Herrn Professor Bolz.
Und es gibt eine Riesenanzahl an unterschiedlichen
Genen, die mittlerweile bekannt sind, die für ganz viele
unterschiedliche
Krankheitsbilder, die
an der Netzhaut auftreten können,
ursächlich sein können,
die zum Teil auch Überlappungen haben.
Also Sie sehen hier, dass in den Kreisen manchmal Gene
stehen, die vielleicht für unterschiedliche
Erkrankungen auch schon beschrieben sind.
Das hängt sicherlich zum Teil
damit zusammen – und Herr Professor Bolz kann das
bestimmt besser erklären noch –,
wie die Kombination
ist zwischen verschiedenen
Genen, also ob man mehrere Gene
hat, die erkrankt sind,
und die Art, wie das Gen
betroffen ist, vielleicht aber auch tatsächlich
historisch.
Es ist
ja immer eine Zusammenarbeit:
Der Kliniker sagt: Ich habe diese Erkrankung,
der Genetiker sagt: Wir finden das Gen.
Vielleicht haben die Kliniker über die Jahrzehnte
manchmal auch Erkrankungen
unterschiedlich eingeschätzt. Also ich glaube,
dass wir da kontinuierlich
weiter lernen. Das ist 'ne extrem spannende Zeit, und
da kann man praktisch
wöchentlich am Ball
bleiben, um dort im Bilde zu bleiben.
Es ist immer noch so – wir haben's grade schon gesehen –, dass
ungefähr ein Drittel –
das sind unterschiedliche Krankheitsbilder, aber
es ist immer ungefähr ein Drittel in diesen Grafiken –
Blutproben, die nicht
eine eindeutige Ursache zeigen, also Patienten, wo wir
vermuten,
es ist eine Erbkrankung, und dann ist es doch keine.
Zum Teil sind es vielleicht andere
Krankheitsbilder, die sich hier hineingemischt haben.
Also ich
wäre neugierig, ob in spezialisierten Unikliniken
vielleicht und mittlerweile
sicherlich auch dieses
Kuchenstück noch mal deutlich kleiner wird.
Also
von meinem Gefühl her
ist es kleiner,
sind's weniger Patienten, die wir wirklich mit unklaren
Befunden bei uns sehen mittlerweile.
Aber es ist immer noch nicht so, dass wir 100 Prozent
eindeutig herausfinden genetisch.
Warum ist es mit der Genetik jetzt eigentlich klinisch
interessant?
Sehr schön, dass man weiß, welches Gen das ist,
dass man sich das
angucken kann,
auch sicherlich wichtig
für die Beratung in der Familie
in Bezug auf zum Beispiel Vererbungsrisiko,
Risiko für Kinder
oder für andere Verwandte.
Das sind alles Themen, warum das relevant sein kann,
dass ich auch einfach sicher weiß, was ich habe.
Aber es wird auch zunehmend relevanter, denn es gibt
eine große Zahl an
Gentherapien, die im Moment
für Augenerkrankungen in Entwicklung sind. Das Auge
ist ein sehr attraktives Organ für Gentherapie. Warum?
Wir müssen nur ganz wenig
Gewebe behandeln, nicht den ganzen Körper.
Wir kommen da
chirurgisch gut ran.
Das klingt immer gruselig, aber es ist 'ne sehr häufig
durchgeführte Behandlung, dass man mit kleinen
Nadeln oder Instrumenten ins Auge
pikst und dort eben vor Ort
die Wirkstoffe direkt an die Zellen bringen kann.
Das Auge ist auch immun-
privilegiert, heißt das.
Das heißt, es ist unwahrscheinlicher,
dass das Gen abgestoßen wird.
Je nachdem kann man vielleicht auch das zweite Auge
als Kontrollauge nehmen für Studien.
Das heißt, das Auge
ist einfach für Gentherapien wirklich ein sehr
gut geeignetes Organ, zum Glück.
Denn es gibt eine Gentherapie, die bereits
erfolgreich getestet wurde und deswegen
zugelassen wurde und sich schon im Einsatz befindet.
Das ist die sogenannte RPE65-Mutation,
dummerweise eine extrem seltene
Mutation. Ich glaub, etwa 200
Patienten in Deutschland haben
dieses Gen. Mittlerweile sind, glaub ich, auch
so ziemlich alle Familien identifiziert und, wenn
möglich, behandelt.
Das ist sehr selten, dass man hier wirklich
einen neuen Patienten
identifiziert. Aber für diese Patienten kann
mittlerweile, wenn man die Therapie früh einsetzt,
die Sehkraft über die Zeit
deutlich besser erhalten werden. Es gibt
auch immer – deswegen
ist das schade, dass der Kollege aus
München nicht da sein kann, der hat immer wunderschöne
Videos dabei, wo man einen kleinen Jungen sieht,
der mit der Therapie behandelt wird und der vorher
sich im Dunkeln gar nicht mehr bewegen
wollte und hinterher mit dem
Fahrrädchen mit der Mutter am späten
Nachmittag durchs Dämmerungslicht fährt. Also
das ist tatsächlich so, dass die Therapie dafür
sorgt, dass Netzhautzellen, die noch in Ordnung sind,
sogar an
Funktion zugewinnen können und dann hoffentlich auch
stabil bleiben. Es ist ein direkter und relevanter
Fortschritt und 'ne deutliche Verbesserung
potenziell der Lebensqualität dieser Patienten.
Und ein großes – deswegen finde ich die Studie so spannend –,
ein großes Problem
dieser Studien generell ist:
Wie teste ich denn eigentlich einen Erfolg?
Klassischerweise
müssen wir in der Augenheilkunde,
damit 'ne Therapie zugelassen wird, beweisen,
dass die Sehkraft von Patienten, die behandelt wurden,
besser ist
als die Sehkraft von Patienten in der Kontrollgruppe.
Dann sagen die Behörden: Ja, das macht Sinn, verstehe ich,
Sehkraft ist besser, die Therapie wirkt,
Therapie macht Sinn, wir lassen das Medikament zu,
die Therapie kann eingesetzt werden.
Jetzt ist es aber so: Wenn ich eine
Erkrankung habe, wo die Mitte in Ordnung bleibt
und die über Jahre und Jahrzehnte
von außen her langsam 'ne Gesichtsfeldeinengung macht,
dann ist es gar nicht so einfach
zu beweisen, dass 'ne Therapie wirkt.
Also hat man sich einen ganz neuen Test
ausgedacht, den sogenannten Mobilitätstest.
Das sehen Sie einmal hier links.
Da wird extrem aufwendig in den Kliniken
ein ganzer Raum umgestaltet
mit einem Hindernisparcours,
den die Patienten
durchlaufen müssen in einer bestimmten Zeit,
mit bestimmten Licht-
intensitäten im Raum. Das wird dann auch wiederholt,
und damit misst man, wie gut sich ein Patient
orientieren kann,
also wie gut er zum Beispiel bei
geringen Lichtverhältnissen
diesen Parcours
sehen kann, wie gut er das alles wahrnimmt.
Und unter der Therapie konnte man zeigen,
dass die Patienten
deutlich besser und deutlich schneller
sich orientieren konnten als Patienten, die
nicht behandelt wurden.
Und das war zugelassen als Endpunkt, und
darauf basierend
konnte die Therapie zugelassen werden.
Und das finde ich ganz wichtig,
weil das wäre für viele andere
Erkrankungen, die wir in Deutschland haben, die
sehkraftbedrohend sind,
hilfreich, wenn die Behörden
dem Beispiel häufiger folgen würden.
Aber ganz aktuell – da gehe ich jetzt aber nicht drauf ein.
Aber für diese Therapie war das großartig.
2018, als sie zugelassen wurde, war das so eine
Aufbruchstimmung,
wir haben alle gedacht: Jetzt geht's los,
und jetzt kommt eine
Gentherapie nach der anderen,
haben uns schon mal in Position gebracht,
dass wir die Patienten auch alle behandeln können.
Es gibt tatsächlich
zum Glück auch durch die
Pharmaindustrie dementsprechend großes Interesse –
das muss ja auch immer erst mal geweckt werden –,
Studien zu machen.
Und wie Sie sehen, gibt es auch 'ne ganze Reihe an
Studien, die auch aktuell laufen
für unterschiedliche Gene,
um eben
hier möglicherweise auch für noch mehr Patienten
eine Behandlung zu finden.
Bislang, heute, ist leider noch keine andere Studie
abgeschlossen, die positive Ergebnisse brachte.
Leider im Gegenteil gibt es auch einige Studien,
die große Hoffnungsträger
waren, die dann doch in den Endpunkten
bislang nicht nachweisen konnten,
dass die Therapie wirklich hilft.
Aber es wird intensiv weiter daran geforscht.
Und ich glaube, das ist ein guter Grund,
um seine Genetik zu kennen, dass man wirklich
genetisch testen lässt, um zu wissen: Welches Gen
ist bei mir ursächlich?
Damit ich prüfen kann: Vielleicht, wenn 'ne neue Studie
startet, kann ich teilnehmen
oder einfach die Studie
im Blick haben und gucken:
Was kommt daraus, ist es vielversprechend,
kann ich vielleicht in der Zukunft
hier möglicherweise eine Therapie erhalten?
Und so viel zur Gentherapie.
Es gibt daneben auch weitere, andere
ganz spannende Ansätze,
zum Beispiel die sogenannte
Optogenetik – ist auch wieder das Wort Gen drin.
Die Optogenetik wirkt so ein bisschen anders.
Hier geht es nicht darum, ein spezielles Gen
zu beeinflussen.
Ach, das hab ich eben nicht erwähnt: Also
es funktioniert so, dass man Viren
mit einem gesunden Gen in das Auge
einbringt bei der Gentherapie. Das heißt, wenn ein
Gen nicht mehr
funktioniert, ein Protein nicht mehr herstellt,
dann kann ich gesunde
Gene in die Augen einschleusen. Die Viren
funktionieren wie so ein Gentaxi, schleusen
das Gen in die Zellen ein, das neue Gen
produziert das Protein, und damit
ist die Erkrankung praktisch ausgebremst. So ungefähr,
grob, funktioniert das.
Bei der Optogenetik ist es so, dass hier
das Ziel ist, dass Netzhautzellen,
die eigentlich nicht
für die Lichtaufnahme zuständig sind,
lichtempfindlich gemacht werden.
Das heißt, man hat im Auge, in der
Netzhaut, die äußersten Zellen –
das ist jetzt
ein bisschen gekippt, also in meinem Bild eben
waren das die unteren –, hier in der Darstellung ist das,
dass diese Zellen, die Fotorezeptorzellen,
das Licht aufnehmen und dann über andere Zellen,
Körnerschichten, Ganglienzellschichten,
Nervenfaserschichten, nach innen
in die Netzhaut weiterleiten und dann zum Gehirn leiten.
Und wenn die Fotorezeptorzellen erkrankt sind,
durch zum Beispiel eine Retinopathia pigmentosa,
dann ist das Ziel dieser Therapie, die mittleren Zellen,
die eigentlich nur
Durchgangsweg sind, lichtempfindlich zu machen,
sodass die dann das Sehen
praktisch übernehmen können.
Tatsächlich waren die Studienergebnisse sehr positiv.
Hier gab es im Mittel einen
Sehkraftanstieg bei den getesteten
Patienten um drei Zeilen.
Das ist 'ne ganze Menge,
das haben wir ursprünglich nicht erwartet.
Aber es macht Hoffnung. Man muss natürlich hier,
wie auch immer, dann noch schauen:
Für welche Patienten ist es wirklich sinnvoll,
gibt es Patienten, wo es gut wirkt,
andere, wo es nicht wirkt,
kann es zu spät sein
oder zu früh?
Also man muss das
individuell dann betrachten. Aber es ist etwas, was
spannend ist, und die Zulassung in den USA
wurde durch die Firma auch bereits beantragt. Das heißt,
das dauert dann immer einige Zeit,
bis diese Zulassungsanträge bearbeitet sind, bis dann
das Präparat auch möglicherweise verfügbar ist.
Es hat einen sogenannten Fast-
Track-Status, also es gibt dann bestimmte Label,
die diese
Anträge bekommen können, wenn es sich um besonders
neue, wichtige Präparate,
Therapien handelt, dass es
ein bisschen schneller
durch die ganzen Verwaltungsschritte hindurchgeht.
Aber wir müssen in Deutschland
sicherlich noch einige Zeit warten, und
ich mag immer nicht Zahlen nennen, aber es ist
eher sicherlich nicht in 2026 damit zu rechnen,
dass dort in Deutschland auch ein Antrag
kommt und die Zulassung vielleicht irgendwann da ist.
Dann gibt es
andere Therapieansätze, jetzt
'ne andere Erkrankungsgruppe,
nicht die Retinopathia pigmentosa, sondern Morbus
Stargardt. Das ist eine der häufigsten
Erkrankungen der Netzhautmitte.
Während die Retinopathia pigmentosa
vor allen Dingen zuerst die äußeren
Netzhautzellen betrifft, betrifft der Stargardt zuerst
das Zentrum,
und das äußere Gesichtsfeld bleibt erst mal erhalten.
Es kommt dort auch zu einem
Zelluntergang, also einer Atrophie
der Netzhautzellen und des
Pigmentepithels eben in der Mitte des Auges.
Und hier gibt es eine Therapie, die
in Studien ebenfalls positive
Ergebnisse gebracht hat. Das ist das sogenannte Tinlare-
bant, das ist in Tablettenform
einzunehmen, täglich. Es reduziert ein bestimmtes Protein
im Auge,
das Vitamin A transportiert, und damit reduziert
das die Bildung von toxischen Nebenprodukten.
Das heißt, beim Morbus Stargardt, ABCA4, ist es so, dass
toxische Produkte
vermehrt entstehen und/oder
weniger gut abtransportiert werden und
dadurch eine Erkrankung entsteht.
Und diese Therapie soll versuchen, diese
toxischen Produkte zu reduzieren.
Es gab in den Studien
bei den Patienten, die untersucht wurden, hier eine
Verringerung des Wachstums dieser Atrophiezone.
Also es konnte nicht
verbessert werden, nicht geheilt werden, aber das
Fortschreiten wurde ausgebremst, immerhin.
Als Nebenwirkung gab es so ein bisschen, also teilweise,
Schwierigkeiten
bei der Dunkeladaptation, das muss man dazusagen,
also dass die Patienten
dann eher Schwierigkeiten hatten
in der Dämmerung oder
wenn's vom Hellen ins Dunkle geht. Ja,
aber auch hier
ist die Therapie so wirksam gewesen, dass sie
eingestuft wurde als Breakthrough, Fast Track,
Orphan Drug, also das heißt,
einen schnelleren Durchlauf bekommen soll
durch die Zulassungsprozesse. Und der Antrag in den USA
ist im April dieses Jahres gestellt worden,
also ganz frisch alles
und vielleicht, hoffentlich, irgendwann in der Zukunft
auch bei uns verfügbar.
Das war's
jetzt leider schon mit den
Therapien, die verfügbar sind oder zeitnah
vielleicht verfügbar werden.
Was können wir denn trotzdem machen?
Es macht trotzdem Sinn,
dass man zum Augenarzt geht,
wenn man eine Erkrankung hat,
eine Erberkrankung an der Netzhaut, und man weiß,
es gibt im Moment noch keine Therapie für mich.
Dann kann es trotzdem sein, dass Augenärzte
helfen können.
Es gibt häufig
Begleitbefunde wie zum Beispiel Linsentrübungen,
die bei diesen Patienten etwas
häufiger entstehen können, oder eben
Wassereinlagerungen in
der Netzhautmitte.
Und manchmal kann man hier
dann doch durch eine Therapie
eine gewisse Verbesserung der Sehkraft erreichen,
auch wenn man die eigentliche
Netzhauterkrankung noch nicht behandeln kann. Also
in augenärztlicher Kontrolle bleiben
macht auf jeden Fall Sinn.
Was, finde ich, noch mindestens so wichtig ist und leider
häufig sehr unterschätzt wird von den Augenärzten –
und der Professor Schrage
ist ja auch ein großer Verfechter und Vorreiter, wie es
eigentlich
laufen sollte und könnte –,
dass man eben
informiert darüber, was es für ein riesiges
Versorgungsangebot gibt.
Und Sie sind genau die falsche
Zielgruppe, denn Sie sind alle hier,
in der größten Messe, die wir haben,
die genau das zum Ziel hat.
Und es ist wichtig, dass wirklich alle Augenärzte
verstehen, dass man diese Information
an die Patienten weitergeben
muss. Denn es gibt
so viele unterschiedliche
Organisationen, die sich wirklich Mühe geben,
viel auch ehrenamtlich,
um Patienten an die richtigen
Ansprechpartner weiterzuleiten. Es gibt
Unterstützung in allen Bereichen des
Alltags, von der Schule über Berufswahl über
Frühförderung, Mobilitätstraining,
verschiedene Hilfsmittel, Sehhilfen, Kantenfilter,
mittlerweile auch – ich find's extrem spannend –
künstliche Intelligenz. Es gab
am Mittwoch, glaub ich, von Ihnen auch einen Vortrag,
den ich leider verpasst
habe, mir unbedingt aber auch noch anhören möchte,
weil das sich auch hier so rasant
weiterentwickelt, was wir für Möglichkeiten haben,
einfach den Alltag zu erleichtern,
auch wenn wir die
Erkrankung vielleicht noch nicht behandeln können.
Es gibt zum Beispiel Brillen, in denen kleine
Kameras eingebaut sind, kleine Mikrofone im Bügel,
und ich kann mich wie mit Siri oder
mit anderer KI
im Handy, mit Chat-
GPT, mit dieser Brille unterhalten und sagen:
Lies mir mal den Busplan vor,
oder: Welche Farbe hat das T-Shirt? Und auch
das, was aufgenommen wird, auf ein Handy aufspielen, sei es
meins, oder – ein Patient hat mir neulich erzählt,
er hat sich die Brille gekauft
und findet es ganz großartig, denn wenn er
jetzt Klamotten kaufen geht, schaltet er seine Frau auf
und fragt sie, welches T-Shirt,
ja, vielleicht das schickere ist.
Gut, man kann auch ein Foto schicken, aber
ich will damit einfach sagen: Es gibt unheimlich viel,
was sich dort entwickelt, was sich tut.
Und ich glaube, es ist gerade für Patienten,
wo wir noch keine Therapie haben, ganz wichtig, darüber
informiert zu sein,
damit man zumindest im
Alltag eben alle Unterstützung hat.
Da geh ich grad mal drüber: Warum
Spezialsprechstunde?
Ich glaub, das haben wir jetzt ausführlich besprochen.
Wer sich im Internet
noch mal weiter auch selber informieren möchte:
Auch hier gibt es sehr gute Webseiten,
zum Beispiel den se-
atlas, Atlas für seltene Erkrankungen,
wo man unterschiedliche
Informationen über die Erkrankung
bekommen kann, aber auch über behandelnde
Zentren, wer ist Experte wofür,
Orphanet ebenfalls, clinicaltrials.
gov, hier findet man alle Informationen zu laufenden
klinischen Studien.
Und bei uns an der Uniklinik
machen wir gerade eine
Fragebogenstudie zur Versorgungssituation
von Patienten mit
Erberkrankungen, wo wir mal wirklich wissen möchten –
ich fürchte, es dauert
ja bestimmt 'ne halbe Stunde, da durchzugehen,
aber wo wir wissen möchten:
Was sind Ihre Erfahrungen, wie lang hat's gedauert, bis
Ihre Erkrankung diagnostiziert wurde,
welche Hilfsorganisationen kennen Sie,
um einfach zu ermitteln: Wo ist der Versorgungsbedarf,
wie kann man das verbessern, damit das noch mal
deutlicher belegt wird.
Zusammenfassend kann man sagen:
Erbliche Netzhauterkrankungen sind zwar selten,
zählen aber trotzdem noch zu den
häufigsten bislang eben noch nicht behandelbaren
Erkrankungen, die möglicherweise
in einem starken Sehverlust enden könnten.
Es gibt noch keine Lösung für alle Patienten,
aber es gibt wirklich erste
kausale Therapieoptionen und mehrere sehr konkrete
Therapieansätze,
die möglicherweise in der Zukunft eben doch
helfen könnten. Es gibt
rasante Fortschritte in der Bildgebung, in der Genetik
und in den
Ansätzen neuer Therapiestudien,
auch mit künstlicher Intelligenz,
sodass ich immer wieder
betonen möchte: Genetische Untersuchung
macht Sinn, Anbindung an eine Spezialsprechstunde
macht Sinn, sich informieren
über klinische
Studien und über Hilfsangebote. Und eben
auch die Zentren für seltene Erkrankungen:
wirklich sehr positiv, dass es diese gibt
mittlerweile und dass sie eben dabei helfen,
Diagnostik zu beschleunigen,
Zusammenarbeit
zu ermöglichen und damit hoffentlich auch
die Versorgung der Patienten jetzt
und in der Zukunft zu verbessern.
Und damit möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Danke.
Ja, ganz herzlichen Dank. Ich denke, es gibt einen Haufen
Fragen.
Keine? Das glaub ich nicht.
Sie können sich melden, ich komm zu Ihnen. Momentchen.
Ja, im Chat gibt's Fragen, danke.
Und dann fangen wir mal im
Chat an, das haben wir noch nicht gemacht, ne? Danke.
[Name]
fragt: „Gibt es auch ein Register
für klinische Studien, die Patienten nutzen können?“
Ja, es gibt unterschiedliche
klinische Studienregister.
Also es gibt unterschiedliche Register,
an die ich mich wenden kann,
wenn ich eine Erkrankung habe. Über die PRO RETINA
kann man sich registrieren.
Auch unterschiedliche Unikliniken haben Register,
dort kann man sich anmelden,
damit es erfasst wird. Potenziell können auch
die
Organisationen von klinischen Studien
darüber dann schneller Patienten
gewinnen. Wir haben das zum Beispiel bei uns in der
Uniklinik Frankfurt
auch so, dass wir
alle Patienten erfassen, die bei uns
in der Sprechstunde sind.
Und wenn dann eine neue Therapiestudie startet
und Patienten gesucht werden,
dann gehen wir durch unsere
Tabellen und schauen nach, ob wir jemanden mal
gesehen haben und dann potenziell auch kontaktieren
können, wenn er zugestimmt hat, dass er
potenziell teilnehmen kann. Wenn das die Frage war.
Ansonsten ist ClinicalTrials
die größte Datenbank,
um eben nachzuschauen, welche Studien grad laufen.
Wie ist es einzuordnen –
ich stell kurz die Frage, weil's genau der Zusammenhang
ist: Die PRO RETINA betreibt ja diese große Datenbank
für die Patienten
und versucht,
ja, sozusagen dann zuzuordnen, wenn eine entsprechende
Studie in Gang kommt,
diese Patienten
anzusprechen. Die Daten
werden nicht verkauft, sondern PRO RETINA
sagt: Wir kriegen das Angebot über 'ne Studie,
und dann informieren wir dich.
Ist das sinnvoll für einen Patienten oder nicht?
Also ich denke, in jedem Fall dann,
wenn ich Interesse habe, dass ich
möglicherweise an einer Studie teilnehmen möchte.
Also wenn man sagt:
Prinzipiell kommt das für mich infrage, wie
sind meine besten Chancen, dass ich über neue Studien
informiert werde,
dann, denke ich, ist das eine.
Natürlich kann ich mich jeden Monat
hinsetzen und auf ClinicalTrials
suchen, das ist aber extrem aufwendig
und vielleicht nicht unbedingt ratsam.
Oder ich melde mich bei Selbsthilfegruppen: PRO
RETINA, Retina plus,
das sind alles Selbsthilfegruppen,
die – ich seh Sie auch im Publikum – die Möglichkeit
bieten, dass man eben
darüber dann auch
sich anmelden kann, informiert werden kann,
oder über die Unikliniken, wenn die Uniklinik
eben
diese Datenbanken selber auch führt und anbietet.
Vorher –
vorher kam die Therapie
für Stargardt, und bei mir ist es so: Also ich bin 57,
und 45 Jahre lang dachte man, ich hätte
Stargardt, und dann wurde
durch eine genetische Untersuchung festgestellt,
dass ich Morbus
Best habe, und zwar, dass ich diese defekten
BEST1-Gene habe.
Und würde
jetzt diese Therapie von Stargardt auch bei Morbus Best
nutzen, oder ist es dann doch was ganz anderes?
Das ist dann tatsächlich doch ein anderes Gen,
was ursächlich ist,
und dementsprechend
würde diese Therapie dann für den Morbus Best
nicht eingesetzt werden können.
Aus dem Chat:
„Gibt es eine Therapie, dass man bei LHON die
Vererbung unterbrechen kann, also dass ich
als Mutter die Krankheit
nicht weitergeben kann?“
Also da gibt es generell noch keine Therapien,
die wir machen können,
damit man sicherstellt, dass man eine Erberkrankung
nicht an seine Kinder weiter-
gibt. Es ist in Deutschland nicht möglich.
Ja, man kann genetisch beraten. Je nach
Erkrankung oder je nach Vererbungsmuster kann man
beide Partner testen,
in der genetischen Beratung sich beraten lassen,
wie hoch das Risiko ist, dass das Kind
'ne Erkrankung bekommt, also
generell gesprochen, über alle Krankheitsbilder.
Das kann man tun, aber vermeiden kann man das nicht.
Das heißt –
Keimbahntherapie ist ein ganz umstrittenes Thema, ne?
Herr Bolz, da können Sie was zu sagen, ne?
Also das ist jetzt bei – ja, also dann bei
mitochondrial bedingter Krankheit
ist das ja –
ist das machbar,
sozusagen
durch –
einfach eine Spender-
eizelle zu nehmen, der man den Zellkern aber
nimmt, und damit einfach praktisch
gewährleistet, dass gesunde
Mitochondrien, normale Mitochondrien
weitergegeben
werden. Aber wie Sie sagen, ist das kein Standard,
kein Routineverfahren. Also es wurde
in England, ich glaub, auch in Mexiko relativ früh
schon angewendet, aber
ist jetzt nicht 'ne breit verfügbare Therapie,
ist aber an Primaten, an Affen, ursprünglich auch mal
angewendet worden und
schon machbar, sehr aufwendig. Ich würd
auch nicht ausschließen, dass es in Zukunft
verfügbarer wird, aber – ja.
Ich mein, das ist jetzt speziell für die
Lebersche hereditäre – natürlich genau der Punkt,
wenn die mitochondrialen Erkrankungen –
das haben wir jetzt ein bisschen verschwiegen,
ja, es gibt doch diesen ganz besonderen Fall,
dass die Mitochondrien, unsere
Zellkraftwerke,
ein eigenes Genom haben.
Und das wird separat mütterlich
weitergegeben, und dieses Genom
kann man tatsächlich
separat austauschen. Das ist fast das Einzige,
wo das so mechanistisch geht, wie Herr Professor
Bolz gesagt hat: Eizelle raus und die
andere Eizelle oder den Kern rein,
und dann hat man sozusagen eine Eizelle, die diesen
Gendefekt nicht mehr trägt.
Weitere Fragen?
Sie haben die Experten hier, wirklich.
Also ich bin immer froh, wenn die beiden hier sind, weil
ich lern hier so viel, das ist großartig.
Deswegen bin ich immer ganz glücklich, und ich hoffe,
dass Sie auch was mitnehmen. Und
ja, irgendwelche Fragen
noch, die Sie betreffen oder
das Thema betreffen,
sonst gerne auch im
Nachhinein noch ansprechen. Ja, genau, da kommt noch mal –
ja, Momentchen, ich komm zu Ihnen.
Da muss ich mich jetzt mal durchschlängeln bei Ihnen,
damit ich mit dem Mikro
hinkomme, damit der Chat auch teilnehmen kann.
Ja, danke schön.
Vermutlich
ist das vielleicht eine dumme Frage,
egal. Wenn ich Bekannten erzähle,
ich hab, ja, so 'ne Netzhauterkrankung,
dann kommt oft mal die Frage: Ja,
kann man nicht 'ne Netzhauttransplantation machen?
Ich bild mir ein, ich hab schon mal von
fachlich
versierten Menschen gehört, dass das nicht geht.
Aber vielleicht können Sie da noch mal einen Kommentar
zu geben,
wie das damit aussieht,
was ich darauf am besten antworten kann.
Ja, also Netzhauttransplantation gibt's leider
bislang keine.
Am Auge kann man die Hornhaut
transplantieren, also den vorderen Bereich,
die durchsichtige Scheibe des Auges.
Die Netzhaut selber kann man nicht transplantieren.
Es gibt tatsächlich
Studienansätze, dass man Zellen
unter die Netzhaut transplantiert.
Es gibt auch
Studien, dass man Chips unter die Netzhaut setzt
und damit 'ne Funktion wiederherstellt, aktuell
relativ
weit fortgeschrittene Studien bei altersbedingter
Makulaerkrankung, wo man mit solchen Chips tatsächlich
sehr gute Erfolge
erzielt hat. Die
Chips, ja, das könnte auf uns zukommen in der Zukunft.
Für die Erberkrankungen hat das damals leider
nicht funktioniert,
dass das in den klinischen
Alltag wirklich integriert werden konnte mit diesen
Chips. Aber
Netzhauttransplantation
selber, nein, gibt's leider nicht.
Vielen Dank! Wir hoffen, der Vortrag hat Ihnen gefallen.
Mehr Informationen finden Sie unter
sightcity.net/F033003.
Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity!