SightCity Forum 2026: Das CVI-Kaleidoskop – ein Blick aus vielen Richtungen
29.09.2026 44 min
Video zur Episode
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Zusammenfassung & Show Notes
Jugendliche mit CVI, Eltern, Förderschullehrerinnen und eine Orthoptistin betrachten cerebrale visuelle Wahrnehmungsstörungen gemeinsam aus vielen Richtungen. In drei Szenen geht es darum, warum Dinge gesehen, aber nicht erkannt werden, warum Lernen durch Zuschauen oft nicht klappt und warum CVI den ganzen Körper betrifft. Die Betroffenen erzählen aus ihrem Alltag, die Fachleute erklären die Hintergründe und zeigen konkrete Hilfen für Schule und Zuhause. Ein Forumsbeitrag von der SightCity 2026.
Das CVI-Kaleidoskop – ein Blick aus vielen Richtungen Forumsbeitrag | SightCity 2026 | aufgezeichnet am 28. Mai 2026 Mit: Armgard Gessert, Sabine Axmann, Doris Kiem, Daniela Osterholt, Cristina Oryval, Michelle Carme, Louise und Violetta Rossi Begrüßung und Vorstellung (00:00:00) Die Gruppe hat sich über das CVI-online-Café gefunden, das der Verein zur Förderung Sehbehinderter e. V. im November 2023 ins Leben gerufen hat. Dort tauschen sich Eltern, Betroffene und Fachleute viermal im Jahr online aus. Für das Forum hat das Team drei Einschränkungen ausgewählt, die im Umfeld oft übersehen oder missverstanden werden. Szene 1: Ich sehe Dinge, aber erkenne sie nicht sofort (00:04:13) Bei einer Simultanagnosie werden nur kleine Ausschnitte einer Szene wahrgenommen. Louise erzählt von vollen Bildern, übersprungenen Zeilen beim Lesen und Bällen, die zwischen Abwurf und Ankunft verschwinden. Cristina Oryval beschreibt aus Elternsicht, wie widersprüchlich das lange wirkte: Krümel auf dem Teller werden gesehen, das Marmeladenglas daneben nicht, obwohl die Brille optimal korrigiert. Doris Kiem erklärt das Phänomen am Bild „Der Gemüsegärtner“ und verweist auf ein VR-Projekt der Universität St Andrews und auf Material von CVI Scotland. Außerdem zeigt sie, wie Simultanagnosie die Sprachentwicklung verzögern kann. Hilfen bei Simultanagnosie: Umgebung, Tools und Apps (00:13:36) - Komplexität vermeiden: weniger gleichzeitig, klare Strukturen, mehr Zeit - Reizreduzierte Arbeitsplätze mit Abschirmung, Kopfhörern und Leseschablone - Zeilenabstand und Buchstabenlaufweite anpassen; Vergrößerung auf A3 hilft dagegen nicht - Plastischer Reader in Microsoft Word, Leselineal, farbliche Markierungen, Tafellesegerät - Violetta Rossi nutzt Vorlesesoftware, den Vorlesestift JOURIST Reader, VoiceOver und TalkBack sowie die Apps Seeing AI, Lookout, Envision AI, Be My Eyes und die Audiodeskriptions-App Greta Gesichter und Bewegung: Prosopagnosie und Akinetopsie (00:17:46) Sabine Axmann erklärt Prosopagnosie (Gesichter werden schlecht erkannt) und Akinetopsie (eingeschränktes Bewegungssehen). Hilfreich sind andere Erkennungsmerkmale wie Stimme, Frisur oder Schuhe und dass man beim Ansprechen den eigenen Namen nennt. Im Sport empfiehlt sie Sportarten mit wenigen Variablen, neonfarbene Westen und Bälle und keine Musik als Geräuschkulisse. Szene 2: Ich lerne nicht durch Zuschauen (00:21:21) Louise berichtet vom Zirkustraining, vom Schwimmenlernen und von Origami-Videos, die ihr nichts bringen. Erst wenn jemand ihre Bewegung führt oder mehrmals erklärt, klappt es. Eltern und Fachleute erklären, warum Nachahmen so viel verlangt: räumliches Sehen, Auge-Hand-Koordination, Richtungswahrnehmung und die spiegelverkehrte Übertragung auf den eigenen Körper. Hilfen sind Handlungen in kleine Schritte zerlegen, Handführung von hinten, Methoden aus den Lebenspraktischen Fertigkeiten (LPF), rutschfeste Unterlagen, gute Kontraste, Mobilitätstraining bis hin zum Langstock und Modelle aus dem 3D-Drucker. Szene 3: CVI betrifft den ganzen Körper (00:30:55) Müdigkeit zeigt sich bei Louise durch Unruhe, Summen oder plötzliche Wut. Aus Elternsicht beschreibt Cristina Oryval, wie viel Erholung nach einem Schultag nötig ist. Die Fachleute vergleichen das Gehirn mit einem Computer unter Volllast, der irgendwann in den Energiesparmodus geht, und erklären den CVI-Meltdown. Außerdem geht es um die Beratung durch Lehrkräfte mit dem Förderschwerpunkt Sehen und um den Nachteilsausgleich. Pausen, Neuroübungen und Reizreduktion (00:36:11) - Pausen, nach denen niemand fragen muss: Laut einer Studie von CVI Scotland fordern nur sehr wenige Kinder selbst eine Sehpause ein - Zwei Neuroübungen zum Mitmachen nach Claudia Croos-Müller - Violetta Rossi: rechtzeitig Pausen machen, Kantenfilter- oder Migränegläser, Gehörschutz (Loop, Sleep Deep von dm), auf den eigenen „Akku“ achten - Zitat von Nicola McDowell (Neuseeland) zu den gesamtkörperlichen Auswirkungen von CVI Gemeinsam hinschauen: das Kaleidoskop fügt sich zusammen (00:40:52) Zum Schluss geht es um das Wissen von Eltern und Begleitpersonen: Beziehung ist eine Form von Kompetenz. Erst wenn Medizin, Pädagogik, Eltern und Umfeld zusammenkommen, entsteht ein vollständiges Bild des Kindes – so wie in einem Kaleidoskop, das sich mit jeder Bewegung neu zusammensetzt.
Weitere Informationen und das vollständige Transkript: https://sightcity.net/F032010
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Die SightCity ist Europas größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel. Mehr Informationen: www.sightcity.net
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Transkript
Herzlich willkommen zum
Mitschnitt des Forums vom 28.05.2026:
„Das CVI-Kaleidoskop – ein Blick aus vielen Richtungen“.
Referentinnen: Sabine Axmann, Michelle Carme,
Armgard Gessert, Doris Kiem, Louise,
Cristina Oryval, Daniela Osterholt, Violetta Rossi.
Viel Spaß mit dem Vortrag!
Wir begrüßen Sie alle herzlich hier im Forum
sowie auch da draußen beim Stream
online zu unserem CVI-Kaleidoskop.
Heute sind wir hier gemeinsam auf der Forumsbühne:
Betroffene, Eltern, Förderschullehrerinnen und –
Augenarzt, Augenärztin – Orthoptistin,
und stellen Ihnen hier das CVI-Kaleidoskop vor.
Wir finden, genau das ist auch sehr wichtig:
Wir müssen uns alle
zusammen mit dem Thema –
alle zusammen dem Thema CVI nähern, zuhören,
es aus den unterschiedlichsten Perspektiven verstehen,
und dann ergibt es ein Gesamtbild,
so bunt wie ein Kaleidoskop.
Aber wie bei einem Kaleidoskop:
Wenn es geschüttelt wird,
ergibt sich auf einmal wieder ein neues Bild.
Wie sagt Professor Gordon Dutton,
ein Ophthalmologe, ein sehr bekannter, sehr aktiver
CVI-Mann: „Kennst du ein Kind mit CVI,
kennst du ein Kind.“
Das macht es auch so herausfordernd und spannend.
Zusammengekommen sind wir
durch die Initiative des Vereins
zur Förderung Sehbehinderter e. V. aus Aachen, der im November 2023
das sogenannte Format
des CVI-Online-Cafés ins Leben gerufen hat.
Dort treffen sich Eltern, Betroffene
und Menschen, die beruflich mit CVI zu tun haben:
Menschen aus der Lehre, Mediziner, Orthoptistinnen
und so weiter, viermal im Jahr online.
Und wir wollen miteinander und voneinander lernen,
uns austauschen und CVI immer besser verstehen.
Für heute, für unser CVI-Kaleidoskop,
haben wir –
haben wir drei Einschränkungen gewählt,
die für Menschen, die mit einer CVI leben,
sehr herausfordernd sein können
und nicht immer im Umfeld
wahrgenommen und oftmals auch missinterpretiert werden.
In der Darstellung aus unterschiedlichen Perspektiven
möchten wir Sie nun mitnehmen.
Und wir sind – ich fang jetzt einfach mal an: Armgard Gessert,
seit über 30 Jahren
Blinden- und Sehbehindertenpädagogin,
ehemalige Schulleiterin der Johannes-
Kepler-Schule in Aachen,
seit zwei Jahren
in Pension und daher ganz viel Zeit für CVI.
Hallo, ja, ich bin Sabine Axmann, bin
Förderschullehrerin an der Hermann-
Herzog-Schule hier in Frankfurt
und habe hier den pädagogischen Part übernommen
und ein bisschen
Angeberwissen dabei, wie das bei Lehrern so üblich ist.
Ja, mein Name ist Cristina Oryval,
ich bin Gründerin von happy-
guck und interdisziplinäre Brückenbauerin und Mutter.
Hallo, ich bin Violetta Rossi und selbst betroffen.
Hallo, ich bin Louise,
und ja, ich hab auch CVI. Hallo,
ich bin Michelle
Carme und bin durch Lebenserfahrung CVI-Aktivistin
geworden. Hallo.
Mein Name ist Doris Kiem, ich bin
Sonderschullehrerin an der Schloss-Schule in Ilvesheim
und betreue viele Kinder mit CVI
in der Beratung, also an allgemeinen Schulen,
die dort auch unterrichtet werden. Danke.
Mit Mikrofon funktioniert's besser.
Ich bin noch für die Bildbeschreibungen zuständig.
Auf dem Bild unserer Titelfolie
sind Menschen aus Medizin,
Pädagogik, Familie und Umfeld zu sehen,
die gemeinsam die Teile eines bunten
Kaleidoskops zusammensetzen, um ein Kind
ganzheitlich zu verstehen und zu unterstützen.
Und nun geht es in die erste Szene:
„Ich sehe Dinge, aber erkenne sie nicht sofort.“
Und zwar werden wir in der ersten Szene über das Thema
Simultanagnosie sprechen. Es werden bei der
Simultanagnosie
auf einmal nur kleine Ausschnitte einer Gesamtszene
wahrgenommen,
oder der Blick kann nicht willentlich woanders
hingelenkt werden.
Zusammenhänge werden nicht gesehen,
oftmals auch in Situationen,
wo es einfach zu viel zu sehen gibt.
Aber lassen wir uns erzählen,
wie es von Betroffenen erlebt wird. Louise, bitte.
Also zum Beispiel in der Schule
oder so, wenn's so Bilder gibt, dann –
also wenn die
sehr vollgestopft sind und sehr
so komplex sind oder mit vielen Linien
oder so, dann wird's schwierig, oder auch –
ist es dann auch schwierig,
so den Kontext oder so zu erkennen aus dem Bild,
also ob das jetzt Menschen, die irgendwie
sportlich gekleidet sind, oder keine Ahnung.
Ja, sonst:
Lesen ist auch noch so 'ne Herausforderung.
Also, ja,
ich spring halt so durch die Zeilen oder kann halt –
oder übersehe halt auch Buchstaben oder Wörter, und
ja, und hab auch oft Probleme, so die –
also oft seh ich die Buchstaben, aber kann –
hab Schwierigkeiten, sie zu 'nem
Wort zusammenzubringen,
und deshalb
hör ich mir auch dann eigentlich eher alles an,
auch in der Schule.
Ja, und ist halt auch sehr anstrengend.
Und ja,
und was auch noch schwierig ist, ist so, Gesichter
zu erkennen und wieder-
zu – also so wiederzuerkennen. Ich erkenn dann Leute
an anderen Merkmalen:
Kleidung, Stimme, Kontext und so weiter, je nachdem,
wo ich die Person halt sehe.
Ja, und sonst sind auch –
ist auch 'n Problem so
mit Bällen oder schnellen Bewegungen,
über die Straße gehen oder so was,
weil dann seh ich –
zum Beispiel bei Bällen im Sportunterricht
seh ich, wo der Ball
startet, geworfen wird, und dann, wo
der ankommt, aber dazwischen ist oft schwierig.
Und ich kann die Entfernung nicht richtig abschätzen.
Also aus unserer Perspektive
war das für uns lange widersprüchlich.
Einerseits konnte sie sehen,
und andererseits
hat sie Dinge nicht erkannt oder öfters mal verloren.
Wir haben's wirklich nicht verstanden,
und wir waren
manchmal auch sehr skeptisch, so wie der –
die Umgebung auch,
also viele Menschen, die wir getroffen haben,
von Medizinern
bis Therapeuten, Pädagogen auch manchmal.
Wir dachten oft, sie wäre unaufmerksam.
Im Kindergarten zum Beispiel haben uns die
Erzieher erzählt,
dass sie oft gegen Autos,
gegen Seitenspiegel von Autos gestoßen ist.
Aber der Augenarzt sagte: Nein, sie sieht relativ gut,
also sie hat 'ne gute Korrektur mit der Brille.
Am Frühstückstisch zum Beispiel
sieht sie die Krümel auf dem Teller,
aber das Marmeladenglas, das daneben steht,
hat sie nicht gesehen. Wieso denn?
Der Augenarzt aber,
jahrelang, der sich mit CVI nicht auskannte,
sagte, dass
mit der Brille die optimale Korrektur erreicht werde
und dass sie gut sehen konnte. Sie hatte
als Kleinkind
aber Schwierigkeiten, die Brille zu akzeptieren.
Sie meinte, dass
das für sie keinen Unterschied macht.
Hätten wir doch auf sie gehört! Ja.
Ja, als Pädagogin, wenn ich solche Geschichten höre,
wird mir einfach wieder bewusst, dass das wirklich
ein sehr komplexer
Vorgang ist, das Sehen, wie es vielleicht
einige von euch jetzt auch vorher schon gehört haben,
diese komplexen
Sehfunktionen,
die jetzt nur so ganz kurz angerissen wurden.
Und das ist jetzt so ein Fall.
Ich weiß nicht, kann man mich hören? Ja, gut.
Wir haben jetzt mal dieses Bild hier ausgesucht,
weil wir gedacht haben, daran kann man ganz gut zeigen,
was so eine Simultanagnosie,
was hier eben beschrieben wurde,
bedeutet. Also „simultan“ übersetzt: gleichzeitig,
zeitgleich,
„Agnosie“: Unkenntnis.
Also man kann nicht gleichzeitig Sachen erkennen.
Also da würde jetzt ein Mensch mit CVI
Gemüse sehen und vielleicht noch den Topf,
so nacheinander, ja, ja. Aber das gesamte Bild,
dass es eben eigentlich auch
ein Gesicht darstellen soll – ich hoffe, dass das klar ist –,
wird nicht klar, ja.
Also das Bild heißt „Der Gemüsegärtner“, und genau,
da wird vielleicht bei
Simultanagnosie das eine oder andere Detail,
wie zum Beispiel die Zwiebelbacken,
ja, als Zwiebeln gesehen oder die Rübe,
die – wir wissen – eine Nase ist.
Aber das Gesamtkontext-
Konstrukt wird nicht wirklich verstanden, ja.
Und es ist eben keine
Störung der Augen. Also es werden schon, wie
bei Louise auch, die Krümel ganz deutlich gesehen,
aber das Gesamtbild des Frühstückstisches
oder eben dieses Bildes wird vom Gehirn
nicht verarbeitet.
Und dazu kann man sich noch vorstellen, dass das
auch noch bei Situationen, wo ganz viele
Seheindrücke auf einmal
passieren, dass wie auch ein einge-
eingeschränktes
Wahrnehmungsfeld
wird, wie ein eingeschränktes Gesichtsfeld. Also das –
und springt zu kleinen
Punkten bei so 'nem Bild, bei so 'ner –
bei so 'ner Wahrnehmung, bei so 'ner Landschaft.
Und die Betroffenen
können auch gar nicht selber steuern, wo
denn die Aufmerksamkeit hingeht, und
eben umso mehr zu sehen ist,
umso kleiner wird dieses Feld auch.
Also es gibt ein Projekt der Universität
St Andrews in Schottland,
und da wird an einem VR-Programm gearbeitet,
wo eben versucht wird,
so eine Wahrnehmung zu simulieren, weil
Simulationsbrillen
kennen vielleicht einige
von euch auch, dass man eben unscharf
simulieren kann, man kann
Gesichtsfeldausfall simulieren,
aber so 'ne Wahrnehmungsveränderung ist schwierig.
Und deswegen arbeiten die mit VR, also Virtual Reality.
Und die wurden eben gefüttert, diese Daten, von
Gesprächen mit Betroffenen:
Wie verhält sich das Sehen denn?
Und da gibt's dann Videos,
die kann man im Internet
auch nachsehen,
find ich sehr interessant, kann ich nur empfehlen,
weil wenn man zum Beispiel auf so ein Video
den menschenleeren Strand in Schottland blickt mit CVI,
ist alles wunderbar.
Wenn man dann aber genau
diesen Menschen in ein Klassenzimmer setzt
mit ganz vielen Sachen an den Wänden und
ganz vielen Kindern, die da rumlaufen,
dann wird es ein ganz kleines Gesichtsfeld,
und das wird in diesen Videos sehr gut dargestellt.
Ja, und das ist eben –
völlig steuerungsfrei springt das hin und her, ja.
Und auch Louise hat es
ja auch so geschildert: Auch beim Lesen könnte das
ein großes Problem sein,
dass man eben nur so einzelne Elemente
eines Wortes
wahrnimmt und eben aber nicht die Gesamtheit.
Und das ist
eben dieser Verarbeitung im Gehirn geschuldet
und nicht mit einer Brille zu beheben, ja.
Das kann natürlich auch bei einer Gesichtererkennung
eine Rolle spielen, und ja,
weil in einem Gesicht
passieren ja auch ganz viele Dinge auf einmal.
Auch von der CVI-Scotland-Seite ein Beispiel,
das eben auch
bei so was wie: Wenn man jetzt jemandem
ins Gesicht sieht
und dann bewegen sich die Augenbrauen, die Lippen
bewegen sich, der Kopf bewegt sich hin und her, dass da
schon das Gehirn
sagen kann: Boah, mir zu viel, ich guck nur die Nase an, ja.
Und dann wird's eben schwierig,
jemanden wirklich auch mit all seiner Mimik
wahrzunehmen und Gesichter wiederzuerkennen,
besonders wenn es auch noch in einer Menschenmenge
dann noch mehr Gesichter
da nebendran sind, ja.
Ja, und dasselbe kann auch passieren, dass
dann eben auch die Sprachentwicklung beeinflusst wird
durch so eine Simultanagnosie.
Ja, also wenn ihr euch jetzt vorstellt, ihr kennt
'ne Sprache nicht, und jemand will euch das Wort „Spunk“
erklären, so.
Und jetzt sagt jemand:
„Das ist ein Spunk“, und ihr seht nur das Bild mit dem Hund,
das, wo man nur dieses
Maul und, ja, dieses
Halsband sieht, da denkt man: Aha, das ist ein Spunk.
Da sind aber noch wahrscheinlich in dem Fall
noch ganz viele Hunde auf der Wiese,
Vögel zwitschern, Leute laufen hin und her,
das Gesichtsfeld wird ganz klein, und
irgendwann ist man im Park,
und da liegt ein Hund auf der Wiese,
und jemand sagt: „Das ist ein Spunk.“
Und dann sieht man den ganzen Hund,
denkt sich: Ah, das ist auch ein Spunk? Ja, komisch.
Ja, und in der anderen Situation
sieht man vielleicht nur Ohren.
Und dann kommt natürlich
dieses Konzept:
Was ist denn ein Spunk jetzt? Ist es jetzt was mit Mund,
ist es jetzt ein Tier, ist es – sind das Ohren?
Dauert halt länger. Und das
ist eben die Auswirkung auf die Sprache:
verzögerte Sprachentwicklung bei Kindern auch mit CVI,
ja.
Genau, auch das
sieht man hier auf diesem Bild von CVI Scotland.
Rechts sieht man einen weißen Hund auf einer Wiese,
und links ist
dargestellt, wie derselbe Hund für eine Person mit
Simultanagnosie wirken kann.
Nur ein kleiner Teil,
also wie von
Doris schon beschrieben, nur das Maul und das rote
Halsband, wird hier gleichzeitig erkannt,
während der restliche Hund
und die Umgebung verschwimmen und nicht als Ganzes
erfasst werden können. Danke.
Genau deswegen
ist es wichtig, die Umgebung anzupassen, wenn möglich.
Weniger gleichzeitig,
klare Strukturen,
mehr Zeit helfen dabei, Dinge besser zu erfassen.
Das Wichtigste ist wirklich, an jedem Punkt
Komplexität zu vermeiden
und nicht zu viele visuelle Eindrücke anzubieten. Danke.
Auf dem Bild
sieht man jetzt also auch hier eine
reizreduzierte Arbeitsumgebung mit Abschirmung,
Kopfhörern, einer Leseschablone und wenigen ausgewählten
Materialien. Die Darstellung zeigt, wie
Ablenkungen auf diese
Weise verringert werden können, um
Wahrnehmung, Konzentration
und visuelle Orientierung zu unterstützen.
Und andere Hilfen
können sein, dass der Zeilenabstand
zum Beispiel beim Arbeiten
am PC vergrößert wird, die Laufweite der Buchstaben
wird geändert.
Was nicht hilft, ist eine Vergrößerung auf A3,
was viele denken,
weil damit geht einfach zu viel Übersichtlichkeit
verloren.
Und auch nicht zu viel Text auf einer Seite.
Was auch ein gutes Tool
ist, ist der Plastische Reader in Microsoft Word,
wo sich die Schüler
und Schülerinnen selbst einstellen können,
wie sie am besten
lesen, sprich auch die Abstände und diese –
die Buchstabenlaufweite.
Es gibt aber auch noch Farbeinstellungen,
die da einzustellen sind, oder auch ein Leselineal.
Also das ist ein ganz neues, tolles Tool,
es gibt's schon 'ne Weile, glaub ich, ein tolles Tool,
um selbstständig
sich weiterhelfen zu können. Ja, ja, genau.
Nicht nur den Plastischen Reader
haben wir hier als Hilfe.
Es kann auch einfach mal der
Zeigefinger sein,
beim Lesen, der mitgeführt wird, oder farbliche
Markierungen, die man in Texten machen kann.
Auch elektronische Hilfen noch wie Vorlese-Apps
oder auch mal ein Tafellesegerät.
Genau, wichtig ist auch immer noch bei der Lernumgebung:
nicht zu viel Komplexität,
nicht zu viel
Dekoration im Klassenzimmer, keine offenen Regale. Danke.
Ich mache beim Lesen alles größer,
dann ist auch nicht mehr so viel auf einmal da.
Lesen ist anstrengend, und Schritt für Schritt
funktioniert besser,
und dann kann ich mich besser orientieren
und komme Schritt für Schritt
weiter. Ich nutze Vorlese-
software oder einen Vorlesestift,
zum Beispiel den JOURIST Reader.
Dann kann ich mich auf den
Inhalt konzentrieren
und muss nicht alles gleichzeitig
machen und sehen.
Auf dem Handy nutze ich zum Beispiel Funktionen
wie VoiceOver für Apple oder TalkBack für Android.
Und die lesen mir alles vor,
was auf dem Bildschirm ist.
So kann ich mein Handy viel selbstständiger nutzen.
Ich nutze auch Apps wie Seeing AI, Lookout, Envision AI
oder Be My
Eyes. Die können mehr oder weniger das Gleiche,
und das Gute ist: Sie sind kostenlos.
Bei Seeing AI und Envision AI
kann man Fotos von Menschen hinterlegen,
damit Menschen wieder-
erkannt werden können.
Die Apps können Texte vorlesen, Bilder beschreiben,
QR-Codes von Produkten
einscannen, damit man –
damit man Inhaltsstoffe erfahren kann.
Bei Be My Eyes ist es noch ein bisschen anders:
Da kann ich Menschen anrufen, wenn ich Hilfe brauche,
oder ich mache ein Foto und kann dazu Fragen stellen,
und die beantworten – also wie mit 'ner KI.
Dann die Greta-App, ist eine Audiodeskriptions-App.
Damit können Filme beschrieben werden,
zum Beispiel über Kopfhörer im Kino.
Und in der Schule sind klare Strukturen wichtig.
Bildbeschreibungen
helfen mir, nichts Wichtiges zu übersehen.
Es ist einfacher, wenn nur das Wesentliche
auf einem Blatt steht,
am besten nur eine Aufgabe pro Seite.
Wichtig zu wissen:
Zeit hilft, Verständnis hilft.
Wenn ich nicht unter Druck steh,
klappt alles viel besser. Danke.
Genau, und hier auf den Bildern hinter
uns sieht man also auch die Beispiele für die
eben genannten Apps. Genau.
Neben der Simultanagnosie, also Angeberwissen Teil 1,
gibt es auch das Phänomen einer Prosopagnosie,
Angeberwissen Teil 2,
wenn Gesichter schlecht erkannt werden.
Hier ist es hilfreich, dass es andere
Erkennungsmerkmale gibt, wie zum Beispiel
die Stimme, der Geruch oder die Frisur,
oder es können auch mal
die Schuhe sein.
Ja, bei Ansprache –
hab ich gehört, dass das tatsächlich
der Fall gewesen sein soll, haha.
Bei Ansprache
soll man den Schülerinnen und Schülern auch mitgeben,
ihren Namen mit zu nennen in der Klasse. Ja, genau.
Bei einer visuellen Wahrnehmungsstörung ist
oft auch das Bewegungssehen eingeschränkt,
eingeschränkt. Das nennt man Akinetopsie,
Angeberwissen Teil 3.
Hier sehen Menschen Dinge besser,
die sich bewegen, oder auch schlechter,
oder sie sehen die Bewegung auch manchmal abgehackt.
Deshalb ist es wichtig, beim Sport
Sportarten mit wenigen Variablen zu wählen.
Besser ist Klettern oder Schwimmen. Und wenn
Ballspiele im Sportunterricht durchgeführt werden,
müssen die Mannschaften gut gekennzeichnet sein,
also nicht nur so 'ne Schärpe,
sondern am besten 'ne neonfarbene Weste.
Der Ball sollte auch 'ne Neonfarbe haben und
nicht so hart sein, wenn
das Kind überhaupt bei Ballspielen teilnimmt.
Auch ist störend,
hab ich mich belehren lassen, eine Geräuschkulisse.
Wenn man jetzt denkt, man macht beim Sportunterricht
die Musik an, ist es wahrscheinlich
kein Gefallen, den man den Schülern tut,
weil dann die Konzentration wieder flöten geht.
Und hier gilt wieder: Komplexität vermeiden.
Ja, das war unsere erste Szene,
und diese erste Szene zeigt einen Teil
der Wahrnehmungsherausforderungen,
wenn die Verarbeitung in der höheren –
in den höheren cerebralen Bahnen unterbrochen ist,
zeigt, wie fehlende Gesichter- und Mimikerkennung,
Sehen von etwas, was in Bewegung ist,
Sehen in einem Setting von vielen Dingen trotz –
und wie auch euer Augenarzt
gesagt hat, die Augen sind eigentlich ganz gut – und
einer guten Brillenversorgung
und wie das eben nicht oder anders stattfindet
und dadurch den Alltag für die Kinder und Jugendlichen
zu einer großen Herausforderung
und auch großen Anstrengung werden kann.
Für Eltern,
Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und das weitere Umfeld
scheint das visuelle Verhalten oftmals widersprüchlich.
Es besteht die Gefahr,
diese Schwierigkeiten
als Unaufmerksamkeit, als Nicht-Wollen
und manchmal eben auch als
kognitives Defizit zu deuten.
Und Sätze wie „Konzentrier dich doch mal!“,
„Schau doch mal hin!“
gehen an den Bedarfen dieser Kinder
absolut vorbei.
Und natürlich kommt hinzu,
dass für die Kinder und für die Jugendlichen
die Art und Weise,
mit der sie ihre Welt wahrnehmen,
natürlich wahrhaftig und stimmig ist.
Auffällig wird es im Zusammenhang
mit den an sie gestellten Anforderungen.
Diese versuchen sie häufig durch
eigens entwickelte Strategien
irgendwie zu bewältigen,
oftmals für den Preis von großer
Anstrengung und Energieverlust. Jedoch
durch gute Beobachtung, durch Verständnis
und das Anwenden von guten Interventionen,
wie wir gehört haben,
kommt es zu Verbesserungen, die den Alltag –
also die den Alltag oder um den Alltag zu bewältigen.
Und nun kommen wir zur zweiten Szene. Wir nehmen Sie mit
in die Szene „Ich lerne nicht durch Zuschauen“ –
das große Thema Nachahmungslernen.
In dieser Szene werden wir erfahren,
dass es herausfordernd ist, durch das Abgucken zu lernen.
Bewegungen und Details werden nicht zuverlässig gesehen.
Gesehenes
mit eigener Bewegung zu verbinden, ist herausfordernd.
Die Aufmerksamkeit wird schnell überlastet,
denn es kostet schon extrem viel Energie,
das Gesehene zu verarbeiten,
wenn gleichzeitig Hinschauen, Bewegungsplanen
und sich Abläufe merken gefordert sind.
Aber hören wir selbst: Louise, Louise.
Also viele Menschen
oder einige Menschen
glauben ja: Okay, ich mach 'ne Bewegung, und
dann der Gegenüber macht's genauso nach. Aber das ist,
wenn man CVI hat – zumindest bei mir ist es so –,
nicht unbedingt selbstverständlich. Also
je nachdem, wie diese Bewegung ist, klappt – also,
ja, kommt drauf an.
Ja, ja, und zum Beispiel
besuch ich 'n
Kinder- und Jugendzirkus,
und dort mach ich so Handstandakrobatik
und so, und dann
hab ich gestern –
bestes Beispiel: Ich musste so 'ne
schöne Bewegung mit den Beinen irgendwie machen, und
die Trainerin hat's mir halt gezeigt,
und ich hab's halt erst mal
nicht gecheckt, und dann hat sie halt,
als ich im Stand war,
halt meine Beine so geführt, bisschen –
wacklige Angelegenheit, aber hat irgendwie geklappt.
Und so hab ich's dann halt auch besser verstanden.
Zum Beispiel auch, als ich kleiner war,
ein kleines Kind, und schwimmen gelernt hab,
dachten die alle: Okay, sie kann halt noch kein Deutsch
und
würde deshalb die Bewegung irgendwie nicht hinbekommen.
Aber das hat sich dann herausgestellt: war nicht so.
Ja, was gibt's noch?
Oder zum Beispiel falt ich auch gerne so
Origami-Figuren,
aber da bringt mir 'ne – ein –
'n 08/15-Anleitungsvideo auf YouTube
jetzt eigentlich nix.
Das muss mir dann jemand
selber zeigen, also erklären, mehrmals und so,
dann krieg ich das auch –
länger auch – also dann krieg ich das auch hin.
Mach ich mit 'ner
Freundin zum Beispiel gerne in der Schule. Ja, und ja.
Ja, also wir haben
gedacht, sie müsste es einfach verstehen können,
wenn wir es oft genug zeigen.
Leider hat das
nicht funktioniert, und wir waren auch verunsichert.
Manche Menschen haben sogar zu ihr gesagt:
„Streng dich an, ein Vierjähriger kann das ja!“
Wir wissen nun, dass sie für manches,
manchmal, nicht immer, viel mehr Zeit braucht
oder andere Lernmethoden, um Sachen zu erlernen.
Was für den einen normal
ist und nebenbei ganz locker passiert,
verbraucht bei ihr viel mehr Energie und auch Willen.
Als Kleinkind und auch
noch später im Grundschulalter
hat Louise zum Beispiel immer wieder
Wassergläser umgeschüttet.
Sie war einfach in manchen Sachen
ungeschickt, wenn sie müde war.
Aber malen zum Beispiel konnte sie gut. Deswegen
war die Sehstörung in dem
Zusammenhang schwer zu erklären und zu erkennen.
Wir haben damals gemerkt,
dass sie besonders
tollpatschig war, wenn sie müde war.
Aber geht man dann zum Kinder-,
zum Kinderarzt und sagt:
„Mein Kind ist tollpatschig, wenn es müde ist“? Und ja.
Nun wissen wir, dass uns damals
Wörter und Fachwörter gefehlt haben,
um die Situation
Dritten erklären zu können und
richtig auch zu beschreiben, ja.
Ja, bleiben wir mal kurz beim Beispiel Origami-Falten.
Noch mal kurz 'ne Bildbeschreibung dazu:
Auf der Schritt-für-Schritt-Anleitung ist zu sehen,
wie aus einem gefalteten Blatt Papier
nach und nach eine Origami-Figur entsteht.
Die einzelnen Bilder
zeigen die verschiedenen Faltbewegungen,
bis am Ende eine Giraffe aus dem Papier zu erkennen ist.
Ja, also ich weiß nicht, wie es euch so geht,
aber ich kann das auch überhaupt gar nicht.
Wenn ich solche Anleitungen versuche nachzufalten,
bin ich auch jedes Mal völlig –
wo kommt jetzt welche Ecke
auf welche gestrichelte
Linie, und was muss ich jetzt rausziehen? Und
das ist schwierig zu interpretieren
mit einer normalen Verarbeitung.
Videos helfen
bedingt, gibt's dann oft so mit Musik hinterlegt,
man sieht die Hände, und das muss ich auch in Zeitlupe
fünfmal sehen und weiß es immer noch nicht so richtig.
Aber wenn man sich das jetzt vorstellt
mit 'ner visuellen Verarbeitungsstörung,
um so ein Blatt zu bekommen,
ja, was man da alles
umsetzen müsste, und auch wenn man's vorgemacht bekommt.
Auch wieder diese Sache: Was wird da alles verarbeitet?
Räumliches Sehen
muss intakt sein, die Auge-Hand-Koordination
muss gut gesteuert werden können,
Richtungswahrnehmung muss in Ordnung sein,
und dann muss es auch noch spiegelverkehrt
auf den eigenen Körper übersetzt werden. Also es ist
sehr komplex
und dadurch nicht einfach so „Mach mal schnell nach“.
Und das alleinige Zusehen
ist eben da in der Schule oft das –
wird Mittel der Wahl, im Sportunterricht im Speziellen.
Und da ist eben einfach wichtig, diese verbalen,
häufig wiederholten
Erklärungen einfach anzubieten
und natürlich mehr Zeit
und mehr Geduld. Danke.
Nachahmen funktioniert bei mir nicht so gut,
deshalb hab ich andere Wege gefunden, zum Beispiel beim
Brötchenaufschneiden.
Ich leg das Brötchen oft umgedreht auf den Teller,
also mit der Kuppe nach unten.
Dann habe ich mehr Abstand
zum Teller und komme besser mit dem Messer dran.
So verliere ich nicht so schnell die Orientierung.
Teller ohne hohen Rand
helfen auch, sonst bleibe ich schneller hängen.
Es gibt auch tolle Hilfsmittel,
ein Schneidebrett, dann muss ich das Brötchen
nicht festhalten
und kann mich auf das Schneiden konzentrieren.
Es hilft mir nicht, wenn mir jemand etwas nur vormacht.
Deswegen: Geführtes Machen hilft mehr, wenn ich
es selbst mache und dabei begleitet werde.
Dann kann ich spüren, was ich tun muss, nicht nur sehen.
Danke.
Ach so, mit Mikro. In dem Film
kann man eine aus Holz angefertigte Vorrichtung sehen,
in der es möglich ist, ein Brötchen oder auch ein Brot
einzulegen.
Durch die Schnittführung im Holz ist es möglich,
wie man sieht, ein Brötchen mittig
aufzuschneiden.
Man könnte aber auch zum Beispiel
Brot einlegen, um dieses
passgenau abzuschneiden. Und
deshalb
zerlegen wir Handlungen wie diese in kleine Schritte:
beim Brötchen festhalten, ansetzen, schneiden, beim Sport
Bewegungen langsam und einzeln üben. Hier hilft
auch viel der Blick in die Blindenpädagogik,
aus dem Bereich Lebenspraktische Fertigkeiten, LPF, und
wie zum Beispiel auch eine
Handführung von hinten,
damit das Lernen vom Gegenüber
quasi rausfällt.
Dabei kann man auch rutschfeste Brettchen
nehmen, man sollte auch immer auf gute Kontraste achten.
Beim Stichwort Bewegung und Gefahren im Straßenverkehr –
wir haben vorhin vom Bewegungssehen gehört –
müssen wir auch zwangsläufig
mal an Mobilitätstraining denken, auch im Bereich CVI,
und auch Menschen mit CVI
profitieren in manchen Fällen von einem Langstock. Danke.
Schritt-für-Schritt-Lernen hilft mir im Alltag sehr,
über Fühlen, über Ausprobieren, über Wiederholen.
Bewegungen aufteilen,
langsam üben, körperlich geführt werden,
genau beschreiben, was passiert.
Ja, wichtig ist für mich: Ich brauche
einen anderen Zugang, nicht nur über das Sehen.
Andere Zugänge
können auch hier wieder
Dinge sein, die wir in der Blindenpädagogik benutzen.
Modelle aus dem 3D-Drucker
sind tolle Hilfen, die in Fächern wie Mathematik,
Biologie oder Kunst helfen, Inhalte besser zu verstehen.
Danke.
Und
unsere zweite Szene zeigte, dass unsere Vorstellung von
„Ich mach dir das mal eben vor,
und du machst es einfach mal nach“
oftmals nicht funktioniert.
Es scheint dem Umfeld,
als ob das Kind nicht lernen möchte,
sich nicht genug anstrengt:
„Ist doch easy,
ich zeig dir das mal
eben, und du machst es einfach nach.“
Ein uns vertrautes Verständnis des
Lernens ist das ja eigentlich,
das Nachmachen.
Aber wie wir gehört haben,
ist es eben nicht ganz so einfach mit dem Nachmachen.
Wenn wir jedoch verstehen,
dass bei vielen Kindern und Jugendlichen mit CVI
genau das nicht geht,
dann wissen wir: Lernen braucht hier andere Wege,
neue Wege. Und wie wir gehört haben,
braucht es eben Elemente,
unter anderem, die helfen können, aus der Blinden-
pädagogik, weil diese
die visuelle Anstrengung mildern und das Verstehen
und Nachahmen
möglich machen. Danke.
Und nun kommen wir zur Szene 3
mit der Überschrift:
„CVI betrifft den ganzen Körper“.
CVI ist nicht nur eine Beeinträchtigung des Sehens,
es hat tatsächlich Auswirkungen auf den ganzen Körper.
Aber hören wir Louise. Louise.
Ja, also zum Beispiel, wenn ich müde bin, dann
muss ich mich halt sehr viel bewegen, oder
summ dann so rum, so
drei Noten hintereinander.
Geht dann auch meinen Eltern ziemlich auf die –
auf 'n Keks, aber okay.
Ja, ja.
Oder ich werd
dann plötzlich auf einmal wütend, aus dem Nichts,
und kann das dann nicht so richtig
selber kontrollieren und
schlag dann irgendwie
rum. Würde man jetzt so von mir nicht denken,
weil ich bin eigentlich ein ziemlich ruhiger Mensch, so.
Ich glaub, das glauben mir auch einige hier nicht,
aber das ist dann so.
Oder was auch – was ich auch zum Beispiel
nicht kann: Manche Menschen hören jetzt
so beim Kochen oder so was
Podcast oder so,
aber das kann ich dann zum Beispiel
nicht, weil dann konzentrier ich mich
nur auf den Podcast und nicht
auf das, was ich mache, und mach dann irgend 'n Scheiß
oder halt umgekehrt, so. Ja.
Genau deswegen sehen wir hier auf dem Bild
den CVI-Wirbelsturm als Symbol dafür,
dass sich CVI eben nicht nur auf das Sehen
auswirken kann.
Rund um den CVI-Wirbelsturm
werden die Bereiche wie soziale Interaktion,
Motorik, Hören und Visualisierung, Angst, Stress,
Energie und Masken genannt,
um die vielfältigen Auswirkungen auf den ganzen
Alltag und den gesamten Körper
zu verdeutlichen.
Man sieht es dann nicht sofort,
aber wir merken –
wir merken, wie erschöpft sie ist.
Die Müdigkeit zeigt sich manchmal auf anderen Wegen:
Sie wird sehr unruhig, fängt so
Bewegungen an, wie so 'n bisschen jemand, der
hyperaktiv ist, oder
sie summt so sehr, dass uns die Ohren
bluten, also stundenlang, nicht nur Minuten.
Dann merken wir auch, dass der Tag sehr anstrengend war.
Die –
sie selbst, wie gesagt, kann diese
Überforderung nicht immer erkennen. Mittlerweile
können wir das auch reflektieren, sie merkt es auch.
Aber sie braucht auch –
wenn andere von der Schule zurückkommen
und einfach noch
genug Energie haben,
um mit anderen zu spielen oder sich
mit Freunden zu treffen –
es ist so, dass
wir merken, dass Kinder mit CVI
oft dann viel längere Pausen brauchen,
um sich wieder zu erholen
und Energie zu tanken, weil die Müdigkeit
extrem präsent ist, und fast auch bei
allen CVI-Kindern
präsent ist. Also dass es 'ne große Gemeinsamkeit ist.
Ja.
Also dass das Gehirn
bei CVI sehr viel aktiver sein muss,
um den normalen Alltag
zu bewältigen –
ich hoffe, das ist jetzt hier 'n bisschen rausgekommen –,
dass eben so Sachen wie
Sehen von Bildern,
Sehen, Erkennen von Menschen,
Nachmachen von Dingen, die wir einfach so tun können,
sehr viel Energie kostet
für die Wahrnehmung, wenn die eben so
hart berechnet werden muss wie bei Menschen mit CVI.
Und das kann man sich auch ganz gut an dem – an 'nem
Computer vorstellen.
Das Gehirn ist ja auch ein bisschen wie ein Computer,
und das so 'n Prozessor,
der so auf hundertprozentiger Last
läuft, so, die Lüfter drehen hoch,
und irgendwann wird das System einfach zu heiß,
und dann geht der Computer in den Energiesparmodus.
Und diese mentale Erschöpfung ist dann oft auch 'ne
Folge dieser enormen kognitiven Anstrengung,
die eben diese visuelle Verarbeitung erfordert,
Tag für Tag,
und das betrifft eben den ganzen Körper. Danke. Ja.
Und dann kann es auch durchaus mal sein, dass
Kinder eben sehr gereizt,
lustlos, erschöpft,
motzig sind, und das hat dann wirklich mit diesem –
ja, mit diesem Überanstrengtsein zu tun,
wie Louise das ja auch schon so erzählt hat.
Und dieser –
diese Erschöpfung –
weiß nicht, ob das hier jemand, der eine oder andere
schon aus dem
Autismus-Spektrum kennt – kann auch zu einem CVI-
Meltdown führen,
also dass die Kinder wirklich komplett
aufhören zu hören, aufhören zu sehen,
aufhören, sich zu bewegen,
weil einfach der Körper völlig überlastet ist,
also wie wenn ein überhitzter Computer
sich selbst abschaltet. Und dann –
mit einer CVI-
Diagnose werden die Schülerinnen und Schüler
von uns Lehrkräften mit dem Förderschwerpunkt Sehen
dann beraten und unterstützt
und auch die Lehrkräfte und Eltern, das ganze Netzwerk.
Richtig, haben die Schülerinnen und Schüler
auch den Nachteilsausgleich,
wo die
individuellen Hilfen, damit eben genau solche Sachen
nicht passieren,
festgelegt werden.
Der wird in der – wie die meisten jetzt
hier wissen – in der Klassenkonferenz
ja festgelegt und muss auch umgesetzt werden.
Und wenn dieser
nicht umgesetzt wird, dann
kann man auch notfalls dagegen klagen, sag ich mal so.
Genau, und damit
war noch mal gemeint – ich fass es
noch mal 'n bisschen zusammen –, helfen wie:
weniger Reize, klare Strukturen,
aber auch Technik, das iPad zum Beispiel,
Pausen und Unterstützung im Alltag.
Und vor allen Dingen wichtig:
Pausen, nach denen keiner fragen muss.
Angeberwissen Teil 4:
Laut einer Studie von CVI Scotland machen nur 4 –
7 Prozent der Kinder –
fordern überhaupt 'ne Sehpause ein.
Deswegen ist es wichtig,
dass wir bestimmen, wann die Sehpause ist,
und zwar am besten
für alle Kinder in der Klasse. Danke.
Hier sind vor allen Dingen Neuroübungen sinnvoll.
Einmal kurz aufstehen!
Und eine Neuroübung ist – ich zeig Ihnen zwei.
Bitte auf den Nachbarn, die Nachbarin achten.
Und wenn Sie einfach mal im Auto sitzen oder so,
gestresst sind, weil im Büro oder neben dem Kollegen,
im Klassenzimmer oder irgendwo sitzen.
Diese –
Tiere, die Tiere machen das,
und machen das, um sich zu beruhigen.
Das sind zwei kleine Übungen von Frau Croos-Müller.
Jetzt dürfen Sie sich wieder hinsetzen.
So, jetzt hoffentlich ein bisschen
entspannter. Und jetzt
bitte noch mal weiter.
Hallo. Wenn ich merke, dass ich
müde bin, nehm ich mich auch mal aus dem Rennen.
Früher hab ich versucht weiterzumachen.
Heute weiß ich: Rechtzeitig Pausen machen
ist besser, danach geht wieder mehr.
Und es hilft mir,
Reize zu reduzieren. Kantenfiltergläser
helfen, wenn ich lichtempfindlich bin. Ich bekomm
nur auch oft
dadurch Kopfschmerzen, wenn ich lichtempfindlich bin, und
man kann auch spezielle
Migränegläser ausprobieren,
die helfen manchen auch, wenn Licht
schnell zu viel wird.
Beim Hören ist es
ähnlich. Ich nutze auch manchmal Gehörschutz,
Gehörschutz, damit es leiser wird. Gute
Erfahrungen sind mit den
Loops oder mit den Sleep Deep von dm.
Und das nimmt den Druck raus, wenn alles zu laut wird.
Ich hab gelernt, auf meinen Akku zu achten, also zu merken:
Wie viel geht gerade noch?
Pausen helfen mir sehr. Dinge bewusst,
bewusster planen,
nicht alles hintereinander, sondern mit Pausen.
Man kann sich kurz rausnehmen, Atemübungen machen,
ruhig hinsetzen oder mal meditieren.
Wenn gar nichts mehr geht,
dann mach ich auch manchmal 'n ausgiebiges
Mittagsschläfchen. Danke. Ja.
Sehr gut.
Ja, die dritte Szene zeigt deutlich,
wie viel Energie
es braucht, um seinen Alltag mit einer CVI zu bestehen.
Es wirkt, als wäre der Mensch empfindlich, manchmal,
doch tatsächlich ist der ganze Körper beteiligt.
Es bedeutet Erschöpfung und körperliche Belastung,
für die Eltern Sorge,
und für Fachkräfte besteht die Gefahr,
diese Zusammenhänge oftmals zu unterschätzen.
Wenn wir verstehen, was hier passiert, erkennen wir:
Es geht nicht nur um das Sehen bei CVI,
sondern um den gesamten Menschen.
Nicola McDowell,
Lehrende und Forschende in Neuseeland, selbst mit CVI
lebend, hat es in einem Zitat
sehr eindrucksvoll zusammengefasst:
„Wir leiden unter Kopfschmerzen,
wir leiden an Übelkeit, wir kämpfen mit der Hitze.
Aber wenn wir
hier unter medizinischen Informationen über CVI
nachschauen, wird das nicht erwähnt.
Es ist eine visuelle Angelegenheit.
Aber in der Realität erleben
wir gesamtkörperliche medizinische Auswirkungen
in Zusammenhang mit der CVI.
Ich denke, diese sind massiv.
Wir leben mit hohem Stress,
hoher dauerhafter Cortisol-Ausschüttung,
und diese hat einen signifikanten
Einfluss auf gesundheitliche Fragen.
Das ist aber noch nicht untersucht – sollte es aber.“
Leben mit CVI
kann zu einer Vielzahl von Beeinträchtigungen und
Herausforderungen führen
und kann
den gesamten Menschen umfassen. Danke.
Was wir hier gesehen haben,
was uns Violetta und Louise
aus ihrem persönlichen Alltag
gezeigt haben – dafür
noch mal von Herzen vielen Dank, dass ihr das mit uns
geteilt habt. Danke.
Es ist auch Alltag für die Menschen, die sie begleiten:
Menschen, die genau hinschauen, die beobachten,
ausprobieren
und erklären, die Wege finden, wenn es noch keine gibt.
Eltern,
Fachkräfte, Begleiterinnen und Begleiter im Alltag. Danke.
Eltern tragen Wissen in sich,
Wissen, das nicht immer in Lehrbüchern steht,
aber im Leben entsteht. Ein Wissen, das
durch jedes Individuum und seine persönliche Erfahrung
wächst,
weil Fragen gestellt werden und weil Beziehung da ist.
Denn wer ein Kind wirklich kennt,
kann auch kleine Signale verstehen,
kann Veränderungen wahrnehmen und daraus
Wege entwickeln.
Beziehung ist keine Schwäche,
das ist eine besondere Form von Kompetenz,
eine, die aus Erfahrung und Verantwortung entsteht.
Danke. Ja, und wenn wir dieses Wissen zusammenbringen,
dann entsteht etwas wirklich Starkes,
und genau das kann jetzt auch auf der –
ist dann auch auf der Folie zu sehen. Moment. Ja, hallo.
Die einzelnen Teile eines bunten
Kaleidoskops fügen sich zusammen.
Medizin, Pädagogik, Eltern und Umfeld
bringen ihre Perspektiven ein.
Jede für sich zeigt nur einen Ausschnitt,
aber gemeinsam
entsteht ein viel vollständigeres Bild des Kindes.
Ein Kaleidoskop verändert sich dabei ständig.
Mit jeder kleinen Bewegung
setzt sich das Bild nämlich neu zusammen,
kein Muster gleicht exakt dem anderen.
Und genau darin liegt die Symbolik:
Auch jedes Kind ist einzigartig.
Verstehen entsteht nicht aus einer einzigen Sichtweise,
sondern immer wieder neu durch gemeinsames Hinschauen,
Zuhören und das Zusammenfügen der Erfahrungen.
Erst dann entsteht ein Bild,
das größer ist als seine einzelnen Teile,
nicht perfekt, nicht fertig, aber lebendig,
vielfältig und in Bewegung. Und für diese Kinder –
denn diese Kinder können lernen,
wenn wir bereit sind, gemeinsam hinzusehen,
wenn wir bereit sind zuzuhören
und wenn wir bereit sind,
Wissen in all seinen Formen ernst zu nehmen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Wir hoffen, der Vortrag hat Ihnen gefallen.
Mehr Informationen finden Sie unter
sightcity.net/F032010.
Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity!