SightCity Forum 2026: Warum schlafen blinde Menschen anders?
30.09.2026 29 min
Video zur Episode
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Zusammenfassung & Show Notes
Warum schlafen blinde Menschen anders? Der Marburger Schlafforscher Werner Cassel erklärt, wie Licht die innere Uhr steuert und warum mehr als die Hälfte der vollblinden Menschen an Non-24 leidet, einer Störung, bei der sich die Schlafbereitschaft Tag für Tag verschiebt. Er beschreibt die Folgen für Gesundheit und Alltag und stellt Behandlungsmöglichkeiten vor. Ein Forumsbeitrag von der SightCity 2026.
Warum schlafen blinde Menschen anders?
Forumsbeitrag | SightCity 2026 | aufgezeichnet am 28. Mai 2026
Referent: Dipl.-Psych. Werner Cassel, Schlafmedizinisches Zentrum, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg
Transparenzhinweis: Der Referent erhält für den Vortrag Honorar und Reisekosten von Vanda Pharmaceuticals Germany GmbH, dem Hersteller des vorgestellten Medikaments. Der Vortrag ersetzt keine ärztliche Beratung.
Begrüßung: Marburg und das Schlaflabor (00:00:00)
Marburg gilt als „Blindenhauptstadt Deutschlands“: Seit dem Ersten Weltkrieg gibt es dort die Blindenstudienanstalt, und der Anteil blinder Menschen an der Bevölkerung ist besonders hoch. Das Marburger Schlaflabor hat deshalb seit Langem mit den Schlafproblemen blinder Patientinnen und Patienten zu tun.
Warum Schlaf so wichtig ist (00:01:36)
Wer 60 wird, hat rund 20 Jahre verschlafen – und das hat gute Gründe. Im Schlaf erholen wir uns, das Langzeitgedächtnis wird abgespeichert und Wachstumshormon produziert, das für Wachstum, Wundheilung und Zellreparatur gebraucht wird. Schlechter Schlaf beeinträchtigt Konzentration und Stimmung.
Prozess S und Prozess C: wie Schlaf reguliert wird (00:02:54)
Warum sind wir um 18 Uhr wacher als um 13 Uhr? Cassel erklärt das Zwei-Prozess-Modell: Der Schlafdruck (Prozess S) steigt, je länger wir wach sind. Der zirkadiane Prozess C macht uns tagsüber wachbereit und nachts schlafbereit. Die nächtliche Schlafbereitschaft hängt eng mit der Ausschüttung des Hormons Melatonin zusammen.
Die innere Uhr: Bunkerversuch, Licht und Melatonin (00:05:45)
In den Bunkerversuchen von Professor Aschoff in den 1960er Jahren lebten Menschen ohne Uhr und ohne Kontakt zur Außenwelt. Ihr innerer Rhythmus lag im Mittel zwischen 24,3 und 25 Stunden. Im Alltag wird die innere Uhr über das Licht nachgestellt: Seit etwa 1998 kennt man lichtempfindliche retinale Ganglienzellen, die auf blaugrünes Licht (480 Nanometer) reagieren. Sie senden ihr Signal an die suprachiasmatischen Kerne, den Sitz der inneren Uhr. Von dort wird die Zirbeldrüse angesteuert, die Melatonin ausschüttet. Ein steiler Melatoninanstieg schaltet über MT2-Rezeptoren das „Nachtprogramm“ des Körpers ein.
Non-24: Wenn blinden Menschen das Lichtsignal fehlt (00:12:24)
Bei vollblinden Menschen ist der Mechanismus der inneren Uhr intakt, nur das Lichtsignal fehlt, das die Uhr täglich nachstellt. Der genetisch vorgegebene Rhythmus – oft länger als 24 Stunden – setzt sich durch. Wer einen 25-Stunden-Rhythmus hat, hat nach zwölf Tagen seine biologische Nacht mitten am Tag.
- Blinde Menschen mit Restlichtwahrnehmung: rund 30 Prozent mit gestörter Rhythmik, 10 Prozent mit voll ausgebildetem Non-24
- Vollblinde Menschen ohne Lichtwahrnehmung: über 50 Prozent mit Non-24
- Wer genetisch einen Rhythmus von ziemlich genau 24 Stunden hat, hat kein hohes Risiko
Folgen für Gesundheit und Alltag (00:17:35)
Alle Körperrhythmen hängen an der inneren Uhr. Eine Patientin hatte ihre höchsten Melatoninwerte zwischen 9 und 12 Uhr – ein Mittagessen in der Kantine entsprach für sie einer Mahlzeit mitten in der Nacht. Eine Befragung zur Verdauung zeigte bei Non-24-Betroffenen eine sehr große Streuung der Zeiten. Cassel nennt außerdem Studienergebnisse zu schlechtem Schlaf: höheres Infektionsrisiko, erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Demenz, Depression und Krebs.
Hinweise auf Non-24:
- Phasen mit gutem Schlaf und guter Wachheit wechseln sich mit schlechten Phasen ab
- Gewünschte und tatsächliche Schlafzeiten weichen deutlich voneinander ab
- Ohne sozialen Druck verschieben sich die Schlafzeiten nach hinten
- Die Verdauung ist unregelmäßig
Behandlung: Tasimelteon als „Dunkelheit in Tablettenform“ (00:21:35)
Melatonin allein reicht nach Cassels Erfahrung meist nicht aus, um die innere Uhr auf 24 Stunden zu synchronisieren. Der Melatonin-Agonist Tasimelteon (Handelsname Hetlioz) bindet deutlich stärker an den MT2-Rezeptor und stabilisiert den Rhythmus. Laut Cassel ist er das einzige für Non-24 zugelassene Medikament. Dazu liest er die Rückmeldung einer Patientin vor. Sein Bild für die Patienten: Sie nehmen kein Schlafmittel, sondern „Dunkelheit in Tablettenform“.
Fragen: Einnahme und Verordnung (00:25:41)
- Einnahme ein bis zwei Stunden vor dem gewünschten Schlafbeginn, täglich und ohne Pausen
- Bei der Zeitumstellung den Einnahmezeitpunkt schrittweise anpassen, zum Beispiel über sechs Tage um jeweils 10 Minuten
- Verordnung: Die Erstdiagnostik sollte möglichst in einem spezialisierten Zentrum erfolgen. Das Medikament ist als Orphan Drug zugelassen und fällt nach Cassels Aussage nicht unter das Arzneimittelbudget.
Hinweis: Die Aufzeichnung endet während der Fragerunde.
Weitere Informationen und das vollständige Transkript: https://sightcity.net/f032011
Forumsbeitrag | SightCity 2026 | aufgezeichnet am 28. Mai 2026
Referent: Dipl.-Psych. Werner Cassel, Schlafmedizinisches Zentrum, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg
Transparenzhinweis: Der Referent erhält für den Vortrag Honorar und Reisekosten von Vanda Pharmaceuticals Germany GmbH, dem Hersteller des vorgestellten Medikaments. Der Vortrag ersetzt keine ärztliche Beratung.
Begrüßung: Marburg und das Schlaflabor (00:00:00)
Marburg gilt als „Blindenhauptstadt Deutschlands“: Seit dem Ersten Weltkrieg gibt es dort die Blindenstudienanstalt, und der Anteil blinder Menschen an der Bevölkerung ist besonders hoch. Das Marburger Schlaflabor hat deshalb seit Langem mit den Schlafproblemen blinder Patientinnen und Patienten zu tun.
Warum Schlaf so wichtig ist (00:01:36)
Wer 60 wird, hat rund 20 Jahre verschlafen – und das hat gute Gründe. Im Schlaf erholen wir uns, das Langzeitgedächtnis wird abgespeichert und Wachstumshormon produziert, das für Wachstum, Wundheilung und Zellreparatur gebraucht wird. Schlechter Schlaf beeinträchtigt Konzentration und Stimmung.
Prozess S und Prozess C: wie Schlaf reguliert wird (00:02:54)
Warum sind wir um 18 Uhr wacher als um 13 Uhr? Cassel erklärt das Zwei-Prozess-Modell: Der Schlafdruck (Prozess S) steigt, je länger wir wach sind. Der zirkadiane Prozess C macht uns tagsüber wachbereit und nachts schlafbereit. Die nächtliche Schlafbereitschaft hängt eng mit der Ausschüttung des Hormons Melatonin zusammen.
Die innere Uhr: Bunkerversuch, Licht und Melatonin (00:05:45)
In den Bunkerversuchen von Professor Aschoff in den 1960er Jahren lebten Menschen ohne Uhr und ohne Kontakt zur Außenwelt. Ihr innerer Rhythmus lag im Mittel zwischen 24,3 und 25 Stunden. Im Alltag wird die innere Uhr über das Licht nachgestellt: Seit etwa 1998 kennt man lichtempfindliche retinale Ganglienzellen, die auf blaugrünes Licht (480 Nanometer) reagieren. Sie senden ihr Signal an die suprachiasmatischen Kerne, den Sitz der inneren Uhr. Von dort wird die Zirbeldrüse angesteuert, die Melatonin ausschüttet. Ein steiler Melatoninanstieg schaltet über MT2-Rezeptoren das „Nachtprogramm“ des Körpers ein.
Non-24: Wenn blinden Menschen das Lichtsignal fehlt (00:12:24)
Bei vollblinden Menschen ist der Mechanismus der inneren Uhr intakt, nur das Lichtsignal fehlt, das die Uhr täglich nachstellt. Der genetisch vorgegebene Rhythmus – oft länger als 24 Stunden – setzt sich durch. Wer einen 25-Stunden-Rhythmus hat, hat nach zwölf Tagen seine biologische Nacht mitten am Tag.
- Blinde Menschen mit Restlichtwahrnehmung: rund 30 Prozent mit gestörter Rhythmik, 10 Prozent mit voll ausgebildetem Non-24
- Vollblinde Menschen ohne Lichtwahrnehmung: über 50 Prozent mit Non-24
- Wer genetisch einen Rhythmus von ziemlich genau 24 Stunden hat, hat kein hohes Risiko
Folgen für Gesundheit und Alltag (00:17:35)
Alle Körperrhythmen hängen an der inneren Uhr. Eine Patientin hatte ihre höchsten Melatoninwerte zwischen 9 und 12 Uhr – ein Mittagessen in der Kantine entsprach für sie einer Mahlzeit mitten in der Nacht. Eine Befragung zur Verdauung zeigte bei Non-24-Betroffenen eine sehr große Streuung der Zeiten. Cassel nennt außerdem Studienergebnisse zu schlechtem Schlaf: höheres Infektionsrisiko, erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Demenz, Depression und Krebs.
Hinweise auf Non-24:
- Phasen mit gutem Schlaf und guter Wachheit wechseln sich mit schlechten Phasen ab
- Gewünschte und tatsächliche Schlafzeiten weichen deutlich voneinander ab
- Ohne sozialen Druck verschieben sich die Schlafzeiten nach hinten
- Die Verdauung ist unregelmäßig
Behandlung: Tasimelteon als „Dunkelheit in Tablettenform“ (00:21:35)
Melatonin allein reicht nach Cassels Erfahrung meist nicht aus, um die innere Uhr auf 24 Stunden zu synchronisieren. Der Melatonin-Agonist Tasimelteon (Handelsname Hetlioz) bindet deutlich stärker an den MT2-Rezeptor und stabilisiert den Rhythmus. Laut Cassel ist er das einzige für Non-24 zugelassene Medikament. Dazu liest er die Rückmeldung einer Patientin vor. Sein Bild für die Patienten: Sie nehmen kein Schlafmittel, sondern „Dunkelheit in Tablettenform“.
Fragen: Einnahme und Verordnung (00:25:41)
- Einnahme ein bis zwei Stunden vor dem gewünschten Schlafbeginn, täglich und ohne Pausen
- Bei der Zeitumstellung den Einnahmezeitpunkt schrittweise anpassen, zum Beispiel über sechs Tage um jeweils 10 Minuten
- Verordnung: Die Erstdiagnostik sollte möglichst in einem spezialisierten Zentrum erfolgen. Das Medikament ist als Orphan Drug zugelassen und fällt nach Cassels Aussage nicht unter das Arzneimittelbudget.
Hinweis: Die Aufzeichnung endet während der Fragerunde.
Weitere Informationen und das vollständige Transkript: https://sightcity.net/f032011
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Transkript
Herzlich willkommen zum
Mitschnitt des Forums vom 28.05.2026:
„Warum schlafen blinde Menschen anders?“
Referent: Dipl.-Psych.
Werner Cassel.
Viel Spaß mit dem Vortrag!
Hallo, mein Name ist Werner
Cassel, ich komme aus Marburg. Dort haben wir
ein großes Schlaflabor,
und Marburg –
erst noch 'ne Pflichtfolie:
Für diesen Vortrag bekomme ich Geld,
bekomme ich ein Honorar und Reisekosten von der Firma
Vanda Pharmaceuticals Germany
GmbH, und das wird gleich auch noch deutlich,
weil die stellen ein Medikament her, mit dem wir
schlecht schlafenden blinden Menschen
oft sehr gut helfen können.
Einmal: Warum ist jetzt hier ein Referent aus Marburg?
Marburg
wurde teilweise die Blindenhauptstadt Deutschlands
genannt, weil nach dem Ersten
Weltkrieg dort die Blinden-
studienanstalt gegründet worden ist.
Und Marburg hat in Bezug auf die Bevölkerung
den größten Anteil von blinden Schülern,
Studenten,
aber auch in der gesamten Restbevölkerung Anteil. Also
und wir im Marburger Schlaflabor
sind von daher schon immer auch mit den
Schlafproblemen von blinden
Patienten konfrontiert worden. Die können
Atemstillstände haben, die können alle
schlafmedizinischen Erkrankungen haben,
aber die können auch – haben häufig eine besondere
schlafmedizinische Erkrankung, um die wird's heute gehen.
Ich möchte Ihnen erst mal
einen kleinen Denkanstoß geben.
Man könnt sich ja
mal fragen, warum man überhaupt Schlafen
eingeführt hat. Wenn wir 60. Geburtstag feiern,
dann haben wir 20 Jahre
unseres Lebens komplett verschlafen.
20-mal Geburtstag, 20-mal Weihnachten, 20 ganze Jahre,
die wir nicht erlebt haben.
Und wenn wir jetzt unseren Kanzler
fragen würden, dann würde der
wahrscheinlich aktuell
sagen: Ja, da kann man
doch einfach mal 'ne Stunde oder zwei weniger
schlafen, dann können wir die Produktivität steigern.
Wir glauben aber, dass die Produktivität
dann fallen würde, weil
Schlaf hat unheimlich viele Bedeutungen. Für die, die
sehen können, die sehen's schon hier.
Neben dem Trivialen, dass wir uns erholen im Schlaf,
brauchen wir
Schlaf zum Lernen und Behalten. Wir behalten nur
im Schlaf. Langzeitgedächtnis-
Abspeicherung passiert nur im Schlaf.
Wir brauchen
Schlaf, um Wachstumshormon produzieren zu können,
und das brauchen Kinder zum Wachsen,
aber das brauchen wir auch zur
Wundheilung, für Zellreparatur.
Konzentrationsfähigkeit, Stimmung – ganz wichtig.
Ein erstes Symptom bei schlechtem Schlaf ist Gereiztheit.
Das heißt,
Schlaf finden wir unheimlich wichtig,
und wir arbeiten daran,
dass hoffentlich diese Erkenntnis sich immer weiter
durchsetzt.
Hier jetzt ein Diagramm oder 'ne Aufzeichnung,
'ne Grafik, wie Schlaf reguliert wird,
aber ich versuch's so zu erklären, dass die, die es
nicht sehen, vielleicht auch
verstehen können.
In der Schlafmedizin war eine frühe Sache,
wo man sich Gedanken
drüber gemacht hat: Warum sind die meisten Menschen
eigentlich um 18 Uhr wacher als um 13 Uhr?
Ja, wenn wir um 6 Uhr aufstehen,
dann sind wir um 18 Uhr zwölf Stunden wach.
Um 12 oder 13 Uhr sind wir schon sechs Stunden wach,
erst sechs Stunden wach.
Wir müssten ja eigentlich um 18 Uhr müder
sein als um 13 Uhr.
Das Gegenteil ist aber der Fall: Wir haben ein Mittagstief.
Das heißt, Schlafen ist nicht nur einfach Aufladen
unserer Batterie.
Das ist ein Prozess, der
'ne Rolle spielt, das ist der Prozess S.
Der wird umso –
der fördert Schlaf, und der wird umso stärker,
je länger wir
wach bleiben. Aber es gibt einen zweiten Prozess,
den finde ich persönlich wesentlich spannender,
das ist der Prozess C.
Und der, kurz gesagt,
programmiert uns tagsüber in Richtung Wachheit
und nachts in Richtung
Schlaf. Und dieses Programm läuft durch, tatsächlich
weitgehend
egal, ob wir schlafen oder ob wir nicht schlafen.
Dieses Modell wurde aufgestellt, als wir die Biologie
dahinter noch gar nicht richtig kannten,
und die kennen wir inzwischen besser.
Und für uns ist heute wichtig, dass es in diesem
zirkadianen Prozess
einen Prozess gibt, der uns nachts
schlafbereit macht.
Der erzwingt keinen Schlaf, aber der erhöht unsere
Bereitschaft zum Schlafen.
Und dieser Prozess ist der Prozess C,
und der macht uns tagsüber wacher,
wachbereiter, und nachts
schlafbereiter. Und mit diesen beiden Prozessen –
je länger ich wach bin, desto müder werde ich,
und dem Prozess:
Nachts bin ich schlafbereit,
tagsüber bin ich wachbereiter –
kann man sehr viel vom Schlafen erklären.
Wir wissen inzwischen,
dass diese biologische Schlafbereitschaft
weitgehend bestimmt wird
durch die Ausschüttung des Hormons Melatonin
in der Nacht. Ich hab hier so 'ne Grafik, wo man drei Kurven
sieht, bei der gleichen Person gemessen,
und man sieht, dass der Rhythmus bei dieser Person
sehr, sehr stabil ist. Das steigt – im
sechsjährigen Abstand hier gemessen –
das steigt immer ungefähr zur gleichen
Uhrzeit an, so 20, 21 Uhr,
erreicht nachts um 2 oder um 3 hohe Gipfel
und fällt gegen Morgen wieder steil ab.
Und so wünschen wir uns das. So sieht das zum Glück
auch bei vielen Menschen aus, aber so sieht's nicht
bei allen Menschen aus.
Und diese Ausschüttung von Melatonin ist –
steht in Beziehung
zu der Schlafbereitschaft in der Nacht.
Es ist gut möglich, dass es da noch weitere Dinge gibt,
die wir noch nicht erkannt haben, aber das Melatonin
korrespondiert
schon sehr gut mit dieser Schlafbereitschaft.
Und jetzt kann man sich fragen, ob der Rhythmus
eigentlich immer so stabil ist,
wie ich das eben gezeigt habe, dass
das immer sehr stabil
zur gleichen Zeit anfängt. Und da, lange
bevor wir richtig was über Melatonin wussten,
hat in den sechziger Jahren der Professor
Aschoff in München,
in einem ehemaligen Weltkriegsbunker,
ein Experiment gemacht, wo er ganz viele,
hauptsächlich Studenten,
wochenlang bis monatelang
unter Entzug von Kontakt nach außen, ohne Uhr
und ohne Radio,
ohne Fernsehen, ohne jegliche Beziehung nach außen hat
leben
lassen in diesem Bunker.
Die hatten 'ne Küche, die konnten sich auch was zu essen
bestellen, die konnten
Licht machen, die konnten lesen. Die meisten
haben's zum Lernen genutzt.
Ich hab noch zwei Personen
kennengelernt, die da als Probanden
mitgemacht haben.
Und das Interesse war einfach: Wie ist – ohne
externe Zeitgeber, was für einen Rhythmus leben
die eigentlich?
Man hat erwartet, dass die eigentlich einen
24-Stunden-Rhythmus leben,
und das wurde mit vielen gemacht,
und man hat festgestellt, dass die im Durchschnitt
keinen 24-Stunden-
Rhythmus leben,
sondern in den verschiedenen Studien
variierte das so zwischen 24,3
und bis 25 Stunden im Mittel. So,
dass für einige von denen, die da zwei Monate drin waren,
plötzlich das Ende viel zu schnell
kam, weil die dachten, es wären noch keine 60 Tage rum,
sondern die dachten, es wären erst 54 Tage rum,
weil für ihr Erleben
waren die Tage –
die Tage waren länger, ohne dass sie es wussten.
Und deshalb hatten die weniger Tage,
hat einige beim
Lernen in Schwierigkeiten gebracht, weil ihnen da Tage
fehlten. So.
Also auch bei sehenden Menschen
ist der Rhythmus gar nicht genau 24 Stunden.
Wir wissen inzwischen, dass dann auch das
Melatonin sich immer verschiebt. Warum
ist das bei uns in der Regel nicht so?
Das liegt daran, dass Licht ganz großen
Einfluss auf unsere biologischen Prozesse hat,
und Licht ist der Hauptzeitgeber
der zirkadianen Rhythmik. Licht steuert diesen Prozess,
Prozess C. Und hier zeig ich schon ein
Bild: Europa bei Nacht, und das ist nicht richtig dunkel.
Das heißt, auch die
sehenden Menschen haben zunehmend Schlafprobleme
durch unseren,
sag ich mal, chronobiologisch
sehr schlechten Umgang mit Licht, der oft vorherrscht.
Aber erst noch mal erklären: Wie
wirkt – wie wirkt Licht auf die innere Uhr?
Es ist so, dass es im Auge retinale
Ganglienzellen gibt,
haben viele von Ihnen
wahrscheinlich schon was von gehört.
Das sind die letzten Umschaltstationen,
und von da ausgehend die Nerven in den –
geht's in den Sehnerv.
Und bei diesen retinalen
Ganglienzellen hat man jetzt überraschenderweise so
1998 ungefähr
festgestellt, dass es einige von denen gibt, die sind
selbst lichtempfindlich. Das ist nur 1 Prozent
aller retinalen Ganglienzellen, und die sind selbst
lichtempfindlich, und das war regelrecht 'ne Sensation,
weil man dachte, es gibt nur
Stäbchen und Zapfen,
die lichtempfindlich sind. Und hier
wurden die retinalen Ganglienzellen entdeckt.
Die sprechen an auf kaltes,
blaugrünes Licht, Wellenlänge 480 Nanometer.
Und dann hat man gleich die nächste Besonderheit
entdeckt: Diese retinalen Ganglienzellen,
da geht die Information in den
Sehnerv, und an der Kreuzung des Sehnervs
zweigt die gleich wieder ab,
und das geht nicht in den visuellen Kortex, wo
gesunde Menschen die Bilder erleben,
die nicht blind sind,
sondern das geht in andere
Gehirnstrukturen,
hier besonders in die suprachiasmatischen Kerne.
Und da wissen wir inzwischen, dass dort unsere –
quasi die Oberinstanz unserer inneren Uhr
lokalisiert ist.
Das heißt, hier noch mal so ein Schema:
Vom Auge, von der Retina kommt die Lichtinformation
einmal zum
Bereich zum Sehen, aber einmal
auch für die Steuerung der
chronobiologischen Vorgänge
in diesen suprachiasmatischen Kernen. Und von dort wird die
Zirbeldrüse, die
Pinealis, angesteuert, und die schüttet
Melatonin aus.
Hier ist noch mal so ein – rechts
so ein Melatoninanstieg, hier relativ spät,
23 Uhr bis morgens um 10.
Das muss ein Student sein, der
eher spät ins Bett geht und spät aufsteht,
sonst würde das nicht so aussehen.
Aber diese Ausschüttung von Melatonin, die ist
das beste Korrelat
für die gesteigerte Schlafbereitschaft in der Nacht,
das wir kennen.
Und hier ist auch schon gezeigt, dass diese
Melatoninausschüttung gestört werden kann,
wenn ein sehender Mensch
nachts helles Licht erlebt.
Wenn das passiert, dann wird die Melatoninproduktion
dieses Menschen gestoppt.
Dieses System, hier noch mal im Überblick,
zeichnet sich noch durch eine Besonderheit aus,
und zwar ist die Besonderheit, dass
dieser Melatoninanstieg, der in der Nacht erfolgt,
der wird ja von der inneren Uhr, vom
suprachiasmatischen Nukleus,
angesteuert. Aber gleichzeitig –
Mist – der suprachiasmatische Nukleus:
Es gibt dort in diesen Kernen Melatoninrezeptoren,
und die checken
sozusagen: Wie viel Melatonin ist jetzt im Blut
und in der zerebralen Flüssigkeit?
Und die messen auch, wie steil das ansteigt. Und wenn
das abends, meistens um 22, 23 Uhr,
sehr steil ansteigt, dann –
es gibt diese Rezeptoren, die MT2-
Rezeptoren in der inneren Uhr,
und die schalten dann sozusagen unser Nachtprogramm ein.
Das kennen Sie vielleicht von
den Kindern: Wenn wir den richtigen Moment
verpassen, die ins Bett zu bringen, dann wird's
oft schwierig, dann werden die gefühlt immer wacher,
je länger sie wach bleiben. Und bisschen gilt das
auch für uns alle Erwachsenen,
das werden Sie alle kennen.
Wir haben oft einen optimalen Zeitpunkt,
wann wir gut einschlafen, und wenn wir
den versäumen, dann klappt's
halt nicht mehr so gut.
Das ist der Mechanismus, der wird über diesen Rezeptor
in der inneren Uhr gesteuert,
und da hängen
Neuronen dran, die tatsächlich in 24 Stunden nur einmal
feuern und einfach sagen: Okay, Brücke an alle,
jetzt beginnt die Nacht.
Dann verändert sich die Atmung,
dann verändern sich viele Kreislaufparameter,
dann verändert sich auch die Verdauung zum Beispiel.
So funktioniert es bei sehenden Menschen.
Und dieser Punkt, wo das Melatonin
steil ansteigt, ist so ein Ankerpunkt,
wo immer wieder der Rhythmus durch dieses Nachtsignal
vorgegeben wird.
Was ist jetzt bei blinden und sehbehinderten Menschen?
Das Schema, was ich hier zeige, für die, die es sehen:
Das sieht absolut gleich aus. Wir haben wieder
den suprachiasmatischen Nukleus,
der steuert die Zirbeldrüse an, die Zirbeldrüse
schüttet Melatonin aus, und der
suprachiasmatische Nukleus
misst das und bestimmt, wann die Nachtbedingung beginnt.
Es gibt nur einen einzigen Unterschied:
Das Licht, das übers Auge einfällt, kann die innere Uhr
nicht nachregeln,
weil bei vollblinden Menschen ohne Lichtwahrnehmung
fehlt einfach dieses Signal.
Aber der gesamte
restliche Mechanismus, der ist eigentlich
vollständig intakt,
der funktioniert auch.
Und dann ist es aber leider so,
dass man im Prinzip sagen kann,
dass es im Durchschnitt bei den blinden Menschen
etwa so ist wie bei den Studenten
in dem Weltkriegsbunker, die dort eingesperrt waren.
Denn bei den blinden Menschen
fehlt dann auch dieses sehr starke
rhythmisierende Signal von Helligkeit und Dunkelheit.
Und hier hat man schon –
eben war die Frage: Wie lang wissen wir das?
Eigentlich wissen wir das schon ungefähr seit 1990,
denn da konnte Melatonin gemessen werden.
Und da hat man gesehen:
Hier unten, bei gesunden Menschen,
steigt das zuverlässig immer
zwischen 19 und 23 Uhr an. Für die beginnt die Nacht
typischerweise in diesem Zeitfenster.
Bei blinden Menschen
mit Schlafproblemen
hat man gesehen –
ist hier oben so 'ne Grafik, ich erklär's mal kurz –,
dass dieser Moment, wenn das Melatonin steil ansteigt,
dass dieser Moment völlig
unsystematisch über den 24-Stunden-Tag verteilt ist.
Das, was bei Sehenden
immer zwischen 19 und 23 Uhr war, war bei Blinden
morgens um 4, nachmittags um 3,
abends um 18 Uhr, mal abends um 20 Uhr.
Die, die es sehen können,
sehen hier oben, dass es völlig unsystematisch verteilt ist.
Aber so ganz unsystematisch
ist es eigentlich gar nicht, wenn man sich jeden
Einzelnen anschaut. Hier ist aufgetragen:
verschiedene Messungen bei einzelnen Probanden.
Und wenn die obere Linie – je
mehr die schräg steht, desto länger
ist der biologische Tag.
Und da sehen wir, dass es
Menschen gibt,
die haben einen festen Rhythmus, aber der ist zum Beispiel
25,08 Stunden lang,
und wir wissen genau:
Morgen schütten die Melatonin
ungefähr eine Stunde später aus, als sie das heute
getan haben. Und so gibt's viele Varianten.
Ganz selten gibt's auch 'ne Verkürzung
unter den 24-Stunden-Tag,
aber die meisten liegen in der Verlängerung. Also
das ist nicht richtig chaotisch, nur ist es insofern
chaotisch, dass jeder individuell
seinen eigenen
Rhythmus hat, und das ist der Rhythmus, der ihm
wahrscheinlich genetisch mitgegeben worden ist.
Und das ist der Rhythmus, der halt durchkommt, wenn
Helligkeit und Dunkelheit das nicht korrigieren können.
Und dann haben wir eigentlich schon die Non-24-
Rhythmusstörung beschrieben,
und die sieht so aus:
Hier noch mal so 'ne kleine Übersicht,
nur als Beispiel: Wenn jemand
einen 25-Stunden-Rhythmus hat, was wir öfters sehen,
dann kann das sein, dass der heute um 23 Uhr
einen steilen Melatoninanstieg hat.
Dann kann der heute Nacht gut schlafen.
Zwölf Tage später hat er den gleichen
Melatoninanstieg nicht mehr um 23 Uhr,
sondern morgens um 11, genau zwölf Stunden später.
Das heißt, dann
kriegt er einen hohen
Melatoninwert, wenn er eigentlich konzentriert
arbeiten will, wenn er studieren möchte,
wenn er lernen möchte
oder wenn er halt
arbeiten geht, während er, wenn er nachts im Bett liegt,
dann fehlt ihm die
biologische Schlafbereitschaft, die normalerweise durch
Melatonin vermittelt wird.
Jetzt könnten wir ja denken:
Okay, wenn die Lichtwahrnehmung nicht da ist,
dann müssen das eigentlich alle
blinden Menschen haben.
Ganz so ist es zum Glück nicht.
Wir haben bei blinden Menschen mit
Restlichtwahrnehmung
schon 30 Prozent mit 'ner gestörten Rhythmik,
und 10 Prozent haben so eine voll ausgebildete Non-24-
Störung.
Bei vollblinden Menschen ohne Lichtwahrnehmung
haben wir über 50 Prozent
mit der Non-24-
Rhythmusstörung.
Warum sind's nicht 100 Prozent?
Ganz einfach deshalb,
weil es Menschen gibt,
die haben eine
genetisch bestimmte Rhythmuslänge, die ist
ziemlich genau
24 Stunden. Ich hab auch solche Patienten,
haben wir das gemessen.
Und wenn der biologisch vorgegebene
Rhythmus 24 Stunden lang ist, dann hat man kein Problem
mit dem sozialen und
biologischen oder mit dem – mit dem
geologischen Tag
von 24 Stunden. Das macht keine Probleme.
Aber wenn man einen Rhythmus von 24,
5 Stunden hat, dann macht es große Probleme. Also
wenn der genetisch bestimmte Rhythmus stark abweicht,
wenn wir keine
Lichtwahrnehmung haben, dann entsteht ein ganz
hohes Risiko für die Erkrankung Non-24.
Und wenn wir genau einen 24-Stunden-
Rhythmus haben, dann gibt's kein hohes Risiko für Non-24,
auch wenn wir 'ne geringe Lichtwahrnehmung haben.
Und so kann man praktisch für jeden,
wenn man diese Faktoren kennt,
theoretisch bestimmen, wie hoch das Risiko ist.
Was sind jetzt die Folgen von so was?
Einmal hab ich hier 'ne
Melatoninausschüttung gemessen
bei 'ner – von 'ner Patientin von uns, 'ne blinde Patientin,
und da sind
48 Stunden hintereinander abgedruckt.
Und Sie sehen hier die Melatoninwerte, die, die
sehen,
und für die anderen beschreibe ich,
dass diese Patientin in der Nacht um 0 Uhr
Melatoninwerte
hatte, die typisch für Tagesaktivität sind,
nämlich ganz niedrig,
und morgens zwischen 9 und 12
hatte sie Melatoninwerte, wie andere Menschen sie nachts
um 2 oder um 3 haben, die den üblichen
stabilen Rhythmus haben. Und hier, aus dem
anderen Vortrag, hier ist ein Nahrungsmittel, Currywurst-
Pommes, ausgezeichnet. Wenn man in die Kantine geht, ja,
dann geht man um 12 Uhr mit den Kollegen
in die Kantine.
Und wenn diese
junge Patientin von uns, die voll im Berufsleben
steht, wenn die
mittags mit ihren Kollegen in die Kantine geht,
war das so, als müssten die Kollegen
nachts um halb 2 oder um 2
'ne kräftige Mahlzeit zu sich nehmen. Ja, ja.
Denn alle unsere Rhythmen sind miteinander verbunden.
Herz, Brust, Niere, alle Organe hängen
an der Masterclock, an der regulierenden Uhr,
suprachiasmatischer Nukleus,
und sobald da
was schiefgeht, kommen diese ganzen Rhythmen
durcheinander.
Und exemplarisch kann ich hier zeigen:
Daten, die wir hier oben haben, ist
eigentlich ein bisschen unappetitliches Thema. Wir haben
unsere Patienten gefragt,
15 Patienten mit der Non-24-
Störung, wann sie ihr großes Geschäft erledigen,
und das haben wir über mehrere Wochen
gefragt und haben dann geguckt:
Haben die einen Rhythmus, was für einen Rhythmus haben die?
Und dann haben wir das Gleiche mit 30 Kontrollpersonen,
gleiches Alter,
nur nicht blind, kein Non-24, gemacht.
Die Kontrollpersonen lagen zu
50 Prozent in der Zeit zwischen 7:30 Uhr
und kurz vor 9. Also
die meisten haben ihr großes Geschäft
morgens erledigt, und das ziemlich rhythmisch.
Bei den blinden Patienten
lag das Zeitfenster zwischen 9 Uhr morgens
und 17 Uhr nachmittags,
also 'ne Riesenvariationsbreite.
Und wir haben viele blinde Patienten,
die müssen nachts aufstehen, auf Toilette gehen, um ihr
großes Geschäft zu erledigen,
weil diese Rhythmen komplett
desynchronisiert sind.
Aber es ist nicht nur die Verdauung, die
leidet. Wenn Sie zu kurz schlafen,
dann kriegen Sie leicht eine
Erkältung. Das sind Menschen, die nur unter fünf Stunden
schlafen durften, die wurden mit 'nem
Erkältungsvirus konfrontiert,
und die haben sich zu 45 Prozent
angesteckt. Die, die mehr als sieben Stunden schlafen durften,
haben sich zu unter 15 Prozent angesteckt.
Also Schlaf ist unheimlich wichtig.
Und ich hab hier mal so ein paar Statements, die alle
durch Studien
gut abgesichert sind:
Schlechter Schlaf erhöht das Herzinfarktrisiko,
erhöht das Risiko für Demenz,
fördert Depression, erhöht das Suizidrisiko vierfach,
erhöht das Krebsrisiko und bewirkt den größten Verlust –
das ist ein Fachbegriff aus der Gesundheitsforschung –
qualitätsadjustierter Lebensjahre
unter allen Erkrankungen.
Wenn man richtig schlecht schläft,
dann beeinflusst das Ihr Leben extrem.
Und deshalb können wir sagen:
Non-24 führt zu erheblichen Gesundheitsrisiken
und eben auch klaren psychosozialen Beeinträchtigungen.
Denn wenn man
etwas unternehmen will, wär's gut, wenn's
einem ungefähr so ginge wie den anderen.
Wie können wir Non-24 erkennen? Phasen mit gutem Schlaf
und guter Wachheit
wechseln sich ab mit Phasen mit schlechtem Schlaf,
eingeschränkter Wachheit. Gewünschte
Schlafzeiten und die erforderlichen Schlafzeiten –
weichen deutlich voneinander ab. Und
ohne sozialen Druck
geht's meist nach hinten mit den Schlafzeiten.
Und 'ne unregelmäßige Verdauung ist ein deutlicher
Hinweis auf Non-24.
Ja.
Okay, jetzt kommen wir zu dem Punkt: Was können wir tun?
Ich hatte Ihnen diese Rückkopplungsschleife erklärt. Ja?
Wir haben sieben Minuten später
angefangen, und ich hab noch eine Minute vor der Zeit?
Ja, ja.
Ich hab auf die Uhr geschaut.
Ich kann nicht
alles aufholen, was vorher versäumt worden ist, ja.
Und so verlieren wir noch mehr Zeit.
Und dieser – dieses Rhythmus-,
dieses selbststabilisierende System
durch dieses Rhythmussignal, wann die Nacht beginnt, und
diesen MT2-Rezeptor, den hat man schon relativ früh
versucht zu stimulieren. Das haben wir
tatsächlich in den neunziger Jahren auch schon mit
Melatonin gemacht,
hat nur in der Regel
nicht gut funktioniert,
nicht ausreichend gut funktioniert. Aber wenn da
Melatonin gemessen wird und der steile
Anstieg ist das Signal für den Beginn der Nacht,
könnt man das ja mit Melatonin versuchen. Allerdings
hat das mit Melatonin selber nicht so gut geklappt.
Aber es gibt ein – ich sag immer – ein Super-Melatonin,
einen Melatonin-Agonisten, der heißt Tasimelteon,
und der spricht diesen Rezeptor
viel, viel stärker an. Leider hier didaktisch
unschön: diese –
diese Zahl, die die Bindung angibt.
Die Bindung ist umso stärker, je kleiner
diese Zahl ist, und deshalb ist 0,07
viel besser als 0,38 bei normalem
Melatonin. Also wir haben 'ne vielfach stärkere
Stimulation dieses Rhythmussignals. Und wenn wir
das Medikament geben, wenn wir diese Substanz geben –
hier sind aufgezeichnet die Schlafzeiten,
und hier sehen Sie, wie die nach hinten weg-
driften, wie ich das vorher in meinem
Beispiel gezeigt habe. Das sind die Schlafzeiten, und
ab hier wird dieses Präparat
eingenommen, und Sie sehen
plötzlich, dass die Schlafzeiten nicht mehr wegdriften
und dass der Melatoninanstieg
und der tiefste Punkt der Körperkerntemperatur –
das sind zwei Sachen, die hier gemessen worden sind –,
dass das stabil bleibt.
Das heißt, man kann
durch die Setzung dieses Signals den Rhythmus
stabilisieren. Und dieses Präparat,
Hetlioz, stabilisiert die innere
Uhr vielfach stärker als Melatonin selbst
und ist das einzige
zur Behandlung von Non-24 zugelassene Medikament.
Und Melatonin selber
reicht meist nicht,
um die innere
Uhr auf 24 Stunden zu
synchronisieren. Und da gab's
auch 'ne Studie, wo man das versucht hat,
die wurde abgebrochen, weil's zu selten funktioniert hat.
Hier mal ein kleines Statement von 'ner Patientin von uns,
das Rote les ich mal vor.
Die hat mit dem Präparat angefangen,
und sie sagt, sie schläft wieder wunderbar:
„Ich fühle mich wieder lebendig.
Meine Kräfte und damit auch meine Freude
an den kleinen Dingen
kehren zurück.
Nach und nach bin ich endlich wieder in der Lage,
Aufgaben anzugehen,
ja sogar neue Pläne zu schmieden.
So was war für mich vor Kurzem noch undenkbar. Das waren
Berge, über die ich nicht kam.“
Sie müssen sich klarmachen: Sie haben unheimlichen
Einfluss auf die Lebensqualität, wenn Sie für
besseren Schlaf sorgen. Deshalb: Non-24
ist eine Rhythmusstörung, die mehr
als die Hälfte der vollblinden Menschen betrifft.
Wir haben das
Rhythmussignal der inneren
Uhr inzwischen recht gut verstanden,
obwohl wir natürlich bei Weitem
nicht alles wissen,
und das eröffnet uns
Möglichkeiten zur Behandlung dieser Erkrankung.
Da wir bei vollblinden Menschen
nicht mit Licht
als Medikament
direkt arbeiten können, wie wir es bei Sehenden können,
ja, ist 'ne
medikamentöse
Beeinflussung der inneren Uhr der wichtigste
Therapieansatz.
Und ich erkläre immer unseren Patienten:
Die nehmen kein Schlafmittel ein, sondern
die nehmen Dunkelheit in Tablettenform ein,
weil ihr Gehirn die
Möglichkeit verloren hat, Dunkelheit zu erkennen,
und wir geben dem Gehirn die Möglichkeit zurück,
Dunkelheit zu erkennen.
Und damit bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Danke. Hallo, Herr Cassel, danke für den schönen Vortrag.
Gibt's Fragen dazu?
Ich denke, eine Frage,
weil das nicht im Vortrag
kam: Das muss man jetzt zu 'ner speziellen Zeit nehmen?
Nee. Das gibt man wann?
Das gibt man kurz vorm Schlafbeginn,
ein bis zwei Stunden vor Schlafbeginn,
und da findet jeder Patient üblicherweise so seine
präferierte Zeit. Wenn er weiß,
dass er morgens um 6 aufstehen muss,
um mit der Schule oder mit der Arbeit
anzufangen, dann nehmen die das oft zum Beispiel um
20:30 Uhr oder um 21 Uhr.
Wenn er aber weiß,
dass er eigentlich morgens erst um 8 Uhr
sehr aktiv sein muss, und gerne –
wir haben Patienten, die sind
Funker als Hobby,
das kann man als blinder Mensch sehr gut machen,
kann mit der ganzen Welt kommunizieren.
Das sagen viele: Ich red gern mit meinen
Kollegen in den USA,
und deswegen geh ich eigentlich immer
erst um 2 ins Bett. Dann nehmen die das halt um 23 Uhr,
23:30 Uhr oder um 0 Uhr.
Man kann regelrecht und willentlich über den
Einnahmezeitpunkt dieses Medikaments den
Rhythmus der eigenen inneren
Uhr steuern. Aber man sollte ihn nicht zu stark
variieren.
Wir haben schon Patienten gehabt, die sind aus der
Synchronisation wieder rausgerutscht
durch die Uhrzeitumstellung im Frühjahr oder im Herbst.
Wenn man dann einfach zur gleichen Uhrzeit
einnimmt, dann hat man das chrono-
biologisch um 'ne ganze Stunde variiert,
und das ist nicht so gut. Wir empfehlen immer, dann über
sechs Tage zum Beispiel immer um 10 Minuten
sich schon vorher dran anzupassen,
um richtig
mit dem anderen Rhythmus wieder mitzukommen. Also
täglich nehmen. Wir wissen leider auch aus Studien:
Wenn man's drei Tage weglässt, dann sofort am ersten Tag
beginnt das System wieder
wegzudriften. Es ist auf die dauerhafte Synchronisation
angewiesen. Deswegen versuchen wir auch, keine
Einnahmepausen entstehen zu lassen,
weil, wenn die auftreten, ist die
Synchronisation erst mal
wieder weg, und dann muss man sich wieder mühsam
dahin arbeiten.
Ja, und kurzer Hinweis aus der
kassenärztlichen Perspektive:
Das kann man verordnen. Der Kassenarzt muss sich
erklären, das Zeug ist nicht billig,
glaub ich, irgendwie was, 2.000, 3.000 Euro
oder oder noch mehr.
Da muss man 'ne Begründung schreiben –
nein, Moment, doch, als Kassenarzt muss ich was schreiben
in meine Akte, doch, in meine Akte.
In meine Akte muss das begründet
stehen, falls ich 'ne Prüfung kriege,
dass ich da
weiß, was ich getan habe. Ja, das ist – das ist entscheidend.
Ja.
Also vielleicht kurze Ergänzung dazu:
Wichtig ist, dass die erste Diagnostik möglichst
von einem spezialisierten Zentrum gemacht sein sollte.
Dann dürfen Sie als Kassen-,
sollten Sie als Kassenarzt das Ganze
dokumentieren, aber ansonsten muss man
keinerlei Probleme erwarten, weil zum Glück
über die sogenannte Orphan-Drug-Regelung
ist dieses teure
Medikament zugelassen und für alle Ärzte
außerhalb des Arzneimittelbudgets.
Die kriegen erst mal
Schockstarre, wenn sie den hohen Preis hören,
aber es ist außerhalb des Arzneimittelbudgets.
Und ich kann sagen,
wir machen das jetzt seit fast zehn Jahren
über unsere Ambulanz. Wir werden genauso geprüft wie
niedergelassene Ärzte,
und wir haben, glaub ich, die
höchsten Verschreibungszahlen in ganz Deutschland
als Einzelinstitution.
Ja, und wir haben noch nie –
wir haben eine einzige Anfrage
bekommen in fast zehn Jahren.
Wir haben noch nie 'ne Anfrage
bekommen, ob die Diagnose gerechtfertigt ist
oder wie wir das begründen können.
Wir kodieren die richtige Diagnose,
und es hat noch nie 'ne –
Wir hoffen, der Vortrag hat Ihnen gefallen.
Mehr Informationen finden Sie unter
sightcity.net/F032011.
Vielen Dank und bis zur nächsten SightCity!